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Bei den Leisen Tönen. Manchmal braucht es einen Blog, um sich Luft zum Denken zu verschaffen. Keine Steckenpferde, Hobbies oder sonstiges Spezielles, nur Luft zum Denken.

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Sonntag, 30. Juni 2013

Abgenickt oder mein erster und letzter Besuch

Ich sitze gerade in einer Kneipe und mich beschleicht das Gefühl, dass mein kurz zuvor eingetroffener Nebenmann gleich ein Gespräch mit mir beginnen wird. Ich lese gerade in einem furchtbar absurden Roman. Mein Nebenmann ist höflich und ich ebenfalls. Ich gebe ihm mehrere Gelegenheiten mich anzusprechen, weil ich ständig von meiner Lektüre aufschauen muss, um mir das Gelesene noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Oben auf dem Bildschirm läuft gerade ein Potpourri der 80er, eine Videocollage aus themenbezogenen Schnipseln des letzten großen Jahrzehnts des letzten Jahrtausends, mal ein Haufen Kollisionen, dann Explosionen, dann Filmküsse usw. Ich bin abgelenkt, bemerke aber immerhin, dass mein Nebenmann noch keinen wirklichen Einstieg gefunden hat. Er ruft deshalb erst einmal den Wirt heran. Der sieht aus wie die Schildkröte bei Dittsche, also von der Statur her. Er ist Russe und hat, wie ich eben erfuhr, seit vorgestern seinen deutschen Pass. Unser Barmann kommt also rüber und mein Nebenmann bestellt eine Fritz Kola. Ich musste an den Kiezneurotiker denken. Als Gentrifizierungsgegner ist ihm der Fritz-Kola-Trinker zur persona non grata geraten. Ich höre einigermaßen auf und beobachte noch unbeteiligt aussehend das nun folgende Gespräch.

Mein Nebenmann bestellt also diese Kola und der Barmann sagt, er hätte sie nicht da. Er hat sie gar nicht im Sortiment. Er schlägt ihm aber daraufhin nicht vor, auf ein anderes Kolaprodukt auszuweichen, denn er besitzt durchaus eine auf der Karte, nein, er schlägt seinem Gast vor, stattdessen doch eine Fritz Melone zu trinken. Das macht er so geschickt, dass selbst ich als jahrelang geschulter Verkäufer von Großmöbeln nur staunend aufblicken kann. Er sagt nämlich dazu, die hat er im Keller, er geht jetzt sofort los und holt ihm eine davon hoch. Noch bevor sich mein Nebenmann überhaupt äußern kann – was mich natürlich überhaupt nicht wundert, denn ich weiß ja bereits, dass er nicht zu schnellen Entscheidungen neigt – ist der Barmann bereits auf dem Weg in den Keller, um wenig später mit einer Kiste voller Melonenbrause wiederzukommen, von der er eine sofort öffnet und sie vor meinem Nebenmann auf den Tresen stellt. Garantiert war das irgendein Restposten oder Werbegeschenk, was da sonst im Keller noch grüner geworden wäre.

Jedenfalls, mein Nebenmann schlürft jetzt grüne Melonenbrause aus einem schwarzen Strohhalm und hat endlich was gefunden, womit er mich ansprechen kann. Er nuschelt, so dass ich ihn kaum richtig verstehe, etwas von grünem Bier. Ich frage nach, er wiederholt. Er meint, mein Bier hätte ja auch einen leichten Grünstich. Ich sage ihm, das könnte am Logo auf dem Glas liegen, er bestreitet das und behauptet, es läge an der Farbe. Ich sage klar, an der Farbe von dem Logo, das da durchschimmert. Er nickt und fragt den Barmann. Ich drehe mich links weg und versuche einen ähnlichen Blickwinkel einzunehmen wie er. Aber das Bier wird nicht grüner. Ich sage, vielleicht ein ganz kleines bisschen. Der Barmann sagt, vielleicht wegen des Logos auf dem Glas. Er nickt meinem Nebenmann kurz zu. Da hatte ich also mein Gespräch.

Der Barmann kehrt an seinen Platz zurück, nicht ohne mir vorher einen vielsagenden Blick hinüberzuwerfen; zumindest bilde ich mir das ein. Dort an seinem Platz sitzt ihm ein Typ gegenüber, der, so habe ich aus dem Gespräch der beiden erfahren, ein wenig jünger ist als ich, lange Haare hat und wahrscheinlich Stammgast ist. Sie tauschen diverse Dinge miteinander aus, meist geht es um Musik. Dann kommt die Frau des Barmanns herein und schreibt mit einem Stift auf die Glastür zum Raucherraum: „Heute hier ist Geschlossene Gesellschaft“. Nach einigem Hin und Her äußere ich mich und erinnere an die Verbzweitstellung im Deutschen, und daran, dass entweder das Lokale oder das Temporale vor dem Verb stehen kann aber auf keinen Fall beides.

Der Barmann bringt mir ein neues Bier, weil ich eins bestellt hatte und fragt, ob ich mich damit auskenne. Ich sage, ja, ich studiere das. Der Barmann nickt mir kurz zu und kehrt an seinen Platz zurück. Die drei, also seine Frau, der Langhaarige und er, unterhalten sich plötzlich alle auf Russisch und sehen in unsere Richtung, also in meine und die meines Nebenmannes. Mein Nebenmann hat übrigens sofort einen Anlass gefunden und erkundigt sich bei mir nach dem Sitz unseres Instituts und ob die deutsche Sprache denn nun den Bach runterginge oder besser würde. Ich verneine das und verliere mich in Details, die ihn genauso wenig interessieren wie mich. Mein Buch habe ich demonstrativ zugeschlagen. Er stellt noch ein paar Fragen, ich antworte, bis ihm plötzlich nichts mehr einfällt und mein Bier alle ist, schon wieder. Ich beschließe zu gehen, weil mir die Situation langsam unheimlich wird. Ich komme mir schon fast vor wie ein Nebenmann und rede plötzlich auch so. Der Barmann sieht mein leeres Glas und schaut mich fragend an. Ich schüttele meinen Kopf und bin gerade in Begriff mein Buch im Rucksack zu verstauen, als ich mich rufen höre, ach, doch, eins nehme ich noch.

Der Barmann zapft schnell, stellt den Humpen vor mich hin und erläutert mir kurz wie erfreut er sei, mich doch noch auf ein Bier zu überreden. Ich sage ihm, wie Recht er doch hat und denke dabei an seine filmreife Darbietung mit der Melonenbrause meines Nebenmannes. Das irritiert ihn, weil er ja nicht weiß, was ich denke, und dann nickt er wieder. Jetzt bin ich der Nebenmann, auch deshalb weil mein Nebenmann rausgeht, um eine zu rauchen, denn der Raucherraum heute hier ist ja geschlossen. Eine Gruppe von Leuten kommt rein und peilt grob den Eingang zum Raucherraum an. Vor dem Monitor bleiben sie stehen und schauen sich Steve Mc Queen an, wie er in „Bullit“ in einem Ford Mustang die wohl längste Verfolgungsjagd der Filmgeschichte fährt. Ich weiß das und sage das auch noch laut. Die jungen Leute schauen sich um und nicken und gehen weg.

Ich lasse mich dazu hinreißen, auf das akzentfreie Deutsch des Langhaarigen zu verweisen, woraufhin mir der Barmann erklärt, der wäre schon seit Jahrzehnten hier in Deutschland. Der Langhaarige spricht nicht zu mir, nickt nur. Um weiter im Geschäft zu bleiben, frage ich, ob er, der Barmann, nicht das Wort „Kwass“ kenne. Ja, kennt er. Das sei ein Getränk, das gab es in gelben Wagen, die mittlerweile verboten worden sind, wegen der Hygienebestimmungen. Kein Kwass mehr, frage ich noch einmal nach. Er nickt nur, als ich noch einmal nachhake und ihm von dem Umstand erzähle, dass früher auf eine Leninstatue zwei Kwasswagen gekommen wären. Das hätte mir jemand berichtet, der 5000 Kilometer durch die Sowjetunion zurückgelegt hätte. Und, um das noch zu toppen, berichte ich auch noch von dem Verhältnis von Stalinstatuen zu Kwasswagen in Georgien, das bei 1:1 lag.

Er nickt schnell und heftig und lächelt und will nur noch zurück in seine Ecke. Ich habe ihn angezählt, dann setze ich nach und frage eine Frage. Nämlich ob Kwass mit Alkohol sei. Sein Blick geht fragend an die beiden anderen und sie schütteln den Kopf, nein sagt er. Er taumelt jetzt und rettet sich ans andere Ende des Rings, weil die jungen Leute endlich was bestellen wollen. Mein Nebenmann kommt gerade wieder herein, als ich meine Biere bezahlt habe und schleunigst verschwinden will. Mein Nebenmann ordert eine zweite grüne Flasche und atmet einen dieser ganz tiefen Lungenzüge, die man braucht, um richtig loszulegen. Ich trollte mich, das Terrain war verbrannt.

Freitag, 28. Juni 2013

Quasi verquast

Quasi, über Nacht kam mir eine Eingebung. Um ehrlich zu sein, wollte ich lediglich mit dem Wort quasi beginnen und nichts eignet sich da besser als eine Eingebung über Nacht. Da schlafen wir nämlich, so auch ich. Und so drückt das quasi eigentlich nichts weiter aus, als dass es ungefähr so gewesen sein muss, wie wenn man nachts an einem fremden Bett steht und mit leiser Stimme einen eben gefassten Gedanken in das Ohr des Schlafenden haucht. Viel mehr als das quasi könnte uns also interessieren, welcher Perverse sich da an die Bettkante von Unbedarften schummelt, um ihnen was ins Ohr zu flüstern. Eine Zumutung ist das doch! Da steht ein Fremder zwischen Tapete und Bettpfosten und flüstert, womöglich noch mit feuchter Aussprache, eine fixe Idee in deinen Kopf und macht sich am folgenden Tag darüber lustig, was dir deshalb den ganzen Tag so durch den Kopf geht, weil du ja nicht mehr darüber weißt, als dass dir quasi über Nacht eingegeben wurde.

Schlaf ist so ein flüchtiges Produkt, dass du wahrscheinlich vom Zugehen der Tür noch kurz aufgeschreckt bist und dich ob des Luftzuges wunderst, darüber beinahe die Eingebung vergessen hättest und aus der Nichtigkeit dieser Eingebung beschließt, sie für wichtiger zu nehmen, als sie ist. Das von fehlenden Eindrücken untätige Arbeitsgedächtnis jagt den Gedanken in Windeseile mühelos von einer Ecke deines Kopfes in die andere. Synapsen regen sich, Assoziationen tun sich auf und plötzlich bist du hellwach, obwohl du eigentlich schlafen solltest. Quasi, über Nacht ist dein Denken von dem Wort quasi beherrscht. Du willst am liebsten aufstehen und in ein etymologisches Wörterbuch gucken, woher dieses Wort überhaupt kommt, obwohl du natürlich längst ahnst, dass es dir jemand zugeflüstert haben muss.

Schlief ich also, als mir ein Unbekannter das Wort quasi in den Kopf pflanzte und dort, mangels Licht und Nährstoffen unbändig zu wuchern anfing? Und wieso setzt sich das zarte Pflänzchen dort sich fest zwischen Tür und Angel meines Geschriebenen wie der Fuß eines Vertreters? Es verquast mir meinen Text, den ich mit mühevoller Kleinarbeit aus dem Nichts erschaffen habe. Verquasen, in der mir eigenen Bedeutung von "ungefragt auftauchen und alles verpesten, bevölkern und/oder zuschütten", steht, ich habe es gerade nachgeschlagen, nicht in meinem etymologischen Wörterbuch. Dafür steht aber „quasen“ drin, was sich von Quas, ein in Mittel- und Norddeutschland gebräuchlicher Ausdruck für „Festmahl, Schmaus oder Pfingstbier mit festlichem Tanz“, ableitet. Die Wurzel des Übels ist natürlich wieder einmal im Slawischen zu suchen, wo kvas, russisch: „säuerliches Getränk“, uns zu Kwass zurückführt, was so viel bedeutet wie "gegorenes Getränk".

Da haben wir es also. Nur weil ich gestern Abend gegorene Getränke zu mir nahm, steigt mir nächtens ein Fremder ans Bett und lässt mich den Biergenuss sauer aufstoßen, indem er mir ein quasi in den Kopf pflanzt, über Nacht, quasi.

Donnerstag, 27. Juni 2013

Posttrauma

Früh am Morgen stehe ich auf, verrichte Dinge und setze mich irgendwann gemütlich an meinen Schreibtisch, um weitere Dinge zu tun. Dann klingelt es. Ich weiß, dass da niemand vor der Wohnungstür steht, höchstwahrscheinlich steht da nur jemand vor der Haustür unten auf der Straße. Noch bevor ich überhaupt auf den Gedanken komme, aufzustehen und nachzusehen, weiß ich schon das Getrappel von oben zu deuten: der Postbote hat geklingelt, im ganzen Haus an jeder Klingel.

Ich gehe zum Fenster, öffne es und schaue herab auf das blaue Fahrrad, spucken wollte ich, denn der Gedanke, den ich eben zu fassen bereit war, ist weg. Ich setze mich also wieder und versuche erneut, mich in meine Dinge zu versenken, mich auf sie einzulassen, um vielleicht einen Text für mein Blog zu schreiben. Es klingelt wieder. Ich gehe wieder nicht zur Tür, öffne aber das Fenster. Unten steht eine Blondine mit einem Smartphone und spricht hinein. Verklingelt muss sie sich haben, ich kenne sie nämlich nicht.

Und dann, ich bin gerade dabei mir eine schöne Wendung auszudenken und den Dreh zu kriegen, klingelt es schon wieder. Eindringlich und lange. Ich denke, vielleicht ist es mein Nachbar, dessen Paket ich gestern annahm, als ich mich dummerweise ebenfalls darauf verstieg, den Türsummer zu benutzen. Ist er aber nicht. Ich benutze den Summer, ich stehe ja gerade an der Wohnungstür, da brüllt es von unten hoch: „Danke! Post!“ Nebenher klimpert ein Schlüsselbund.

Die gelben Postboten – im Gegensatz zu den blauen Postboten – besitzen nämlich einen Schlüssel zu unserer Haustür, das weiß ich, weil ich einmal gesehen habe, wie ein Aushilfspostbote elendig lange an seinem Bund nach dem richtigen Schlüssel gesucht hat. Sie können aufschließen und sind somit gar nicht darauf angewiesen, schwer arbeitende Bewohner aus ihren Tätigkeiten herauszuklingeln. Den benutzen sie aber nicht, weil das Schlüsselbund so groß und unhandlich ist, weil sie den Schlüssel vergessen haben, weil sie sich nicht vorstellen können, dass es Menschen gibt, die nicht bis Mittag schlafen, die sie mit ihrem Geklingel und einem hämischen Grinsen daran erinnern, dass sie gestern viel zu spät und viel zu besoffen ins Bett gegangen sind, um heute etwas anderes zu tun, als auszuschlafen. Sie stehen dann lächelnd im Eingang der Haustür und brüllen ihr „Danke! Post!“ nach oben, klappern mit dem Schlüsselbund und werfen Müll in die Briefkästen.

Eben war ich unten, keine Post.

Mittwoch, 26. Juni 2013

Unmögliches in drei Minuten

In den folgenden drei Minuten, die übrigens wie im Fluge vergehen werden, komme ich auf ein Modell zu sprechen, dass uns in besagter Vorlesung, von der ich vorgestern berichtete, vorgestellt wurde. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass so ziemlich alles, was uns vorgestellt wird, darauf abzielt, uns den Beruf des Pädagogen auszureden. Mindestens einen großen Intellektuellen zitieren die Dozenten pro Veranstaltung, der gesagt hätte, dass der Lehrerberuf ein unmöglicher wäre. Dies beschränkt sich glücklicherweise auf den Bereich der Erziehungswissenschaften, meine beiden anderen Fächer haben nichts gegen meinen Berufswunsch, zweifeln dafür aber umso mehr an meinen fachlichen Qualitäten; zu recht, ich habe von nichts eine Ahnung.

Kommen wir zu dem Modell. Dieses Modell beschäftigt sich mit der tatsächlichen Unterrichtszeit und wie sich diese im Laufe eines Schuljahres, einer Unterrichtswoche, -stunde oder gar auf wenige Minuten verringern kann. Würde man sich dazu eine Sanduhr vorstellen, und sie auf die Seite mit der Füllung nach oben drehen und urplötzlich kein Sand nach unten rieseln, so wäre vielleicht nur das Gesetz der Schwerkraft gebrochen oder die Sanduhr möglicherweise im Inneren feucht geworden. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass Sand rieselt. Befassen wir uns noch kurz mit dem Unmöglichen: nach Treiber, so hieß der Modellvater, verhält es sich mit der nominalen Unterrichtszeit wie mit dem Inhalt jener sonderbaren Sanduhr. Es gibt sie zwar, denn sie ist die Zeit, der im Stundenplan vorgeschriebenen Anzahl von Unterrichtsstunden im Schuljahr. Allerdings kommt sie fast nie zustande. Krankheit, Projektwochen, Exkursionen verringern diese, rieseln sozusagen durch eine kleine Öffnung im Glas nach unten.

Nachdem wir das nun geklärt haben, wenden wir uns wieder der funktionieren Sanduhr zu. Die ersten Krumen landeten bereits auf dem Boden des unteren Glaskolbens, als die zweite Spezifikation uns ereilt: die tatsächliche Unterrichtszeit. Das ist die Zeit, die nach Abzug aller Unwägbarkeiten übrig bleibt. Zu dieser Zeit fand der Unterricht tatsächlich statt. Leider ist auch diese Zeit längst nicht das Maß der Dinge, denn auch die Unterrichtsstunde selbst muss noch gegliedert werden. Da wäre die curricular genutzte Unterrichtszeit. Das ist die Zeitspanne einer Unterrichtsstunde die für zielgerichtete Lehr- und Lernvorgänge genutzt werden kann. Alle haben ihre Plätze eingenommen, das Klassenbuch ist geführt und niemand ruft „Ein Igel!

Die Sanduhr ist jetzt wahrscheinlich schon zur Hälfte leer, wenn Sie eine neben sich stehen hätten. Und leider kommt diese Zeit auch nicht wieder zu Ihnen zurück. Leider ist es auch mit der curricular genutzten Unterrichtzeit noch nicht zu Ende, denn wie ich oben bereits schrieb: diese Zeit kann für Lehr- und Lernvorgänge genutzt werden, muss sie aber nicht. Wie oft passiert es uns, dass wir einem Gegenüber durch Nicken und Stirnrunzeln signalisieren, dass wir bei der Sache sind, während in unserem Kopf eine ähnliche Leere herrscht wie am Kopf des oberen Glaskolbens der Sanduhr. Wahrscheinlich kennt jeder dieses Problem. Durch kontextnahes Fragen könne ich dies herausfinden, so der Dozent. Jedenfalls bleibt am Ende die aktive Lernzeit des einzelnen Schülers übrig, die Zeit, in der sich mit lernstoffrelevanten Tätigkeiten beschäftigt wird.

Tja, das war also das Unterrichtszeitmodell nach Treiber. Am Ende bleiben ein paar Krumen übrig in unserer Sanduhr und damit sollen wir zukünftigen Lehrer dann einen Text behandeln oder ein Gedicht interpretieren lassen; unmöglich würde ich sagen.

Dienstag, 25. Juni 2013

Prelude: albern

Ich musste zuerst noch einen Absatz in einem furchtbar absurden Roman zu Ende lesen, weil ich ja nicht mitten im Satz weiterlesen kann. Ich sah hinab auf die Seitenzahl, versuchte sie mir einzuprägen. Deshalb verstand ich leider nicht, was der Dozent sagte, als er seine Stimme gegen das Gemurmel erhob. Es stellte sich allerdings eine erhebliche Senkung des Lärmpegels ein, so dass ich mindestens annehmen konnte, er redete von derselben bzw. wollte mit seinem Vortrag beginnen.

Mein Buch verstaute ich im Rucksack und sah nach oben auf die weiße Wand. Dort in der Mitte hockte bereits der Auswurf eines Projektors und verströmte einen Hauch von Langeweile. „Konstruktion von Notenskalen“ hieß die Überschrift und der Dozent wollte soeben mit seinem Vortrag beginnen, als plötzlich ein Haarschopf im unteren Bildteil seinen Schatten warf. „Ein Igel!“ rief ich und zeigte nach vorn.

Samstag, 22. Juni 2013

von 6 auf 2

Es war einer dieser großen, unheimlichen Lastenaufzüge, deren Inneres aus nur zwei Kabinenwänden besteht, weil die jeweiligen Türen der Etagen – oder aber das Mauerwerk dazwischen - den vermeintlichen Eindruck einer geschlossenen Kabine vermitteln. Decke und Fußboden waren metallisch, unten geriffelt, oben glatt und viel zu nah an mir dran.

Ich wollte nach unten fahren. Nachdem ich die Tür hinter mir zufallen ließ, den Schlüssel zur Inbetriebnahme im Schloss herumdrehte und die 2 betätigte, kam plötzlich Bewegung in die Sache. Das Haus schien zu wachsen. Die Etagen sprossen nur so an mir vorbei in den dunklen, schmalen Spalt zwischen der Wand und dem Aufzug. Ich schaute nach oben in den Spalt, wo sich das Haus in der Dunkelheit verlor.

„Von der Schachtwand zurücktreten!“, forderte mich ein Schriftzug in meinem Kopf auf, den ich aus ähnlichen Begegnungen in ähnlichen Aufzügen so oder so ähnlich gelesen haben musste. Erschrocken tat ich einen Schritt ins Innere der Kabine, befürchtend, die ersten Steine, des durch den Himmel ragenden Hauses, könnten sich oben gelöst haben und fallen nun mit lautem Getöse geradewegs den dunklen Spalt hinab. Aber das Poltern erstarb mit der Bewegung des Lastenaufzugs. Ich war von 6 auf 2 gesunken. Ich öffnete die Tür und trat hinaus.

Mittwoch, 19. Juni 2013

nasse Haut auf Gummi

Als ich heute Morgen meinen Sohn zur Kita gebracht hatte und mich danach darauf verstieg, zum Supermarkt zu laufen wegen eines Stücks Butter, da war von der Hitze noch nicht viel zu spüren. Ich dachte jedenfalls, dass ich davon nicht allzu viel spürte, weil ich zuvor ja meinen Sohn auf den Schultern getragen hatte. Die daraus resultierende Anstrengung und der leichte Schweißfilm also waren nichts, worüber ich mich beunruhigen müsste.

Auf dem Rückweg jedoch, als mir nach Verlassen des Supermarktes, der übrigens ordentlich heruntergekühlt worden war, die Hitze wie eine Ohrfeige um das Gesicht schlug, da wusste ich, es ist Zeit, aus der Sonne zu gehen. Ich schlug einen Weg durch den Schatten ein. Alte und große Bäume stehen hier entlang des Schnellwegs, der direkt neben meinem Pfad eine Auffahrt hat. Dort wird das Blätterrascheln noch vom Motorenlärm übertönt, wenn denn der Wind durch die Blätter rauschen würde.

Ein Stück weiter den Pfad entlang, der Schnellweg biegt nach links ab - oder ist es mein Weg, der nach rechts abbiegt? - wird es leiser. Fast flüsterleise. Bis auf den Vogel, der mir schon weiter oben aufgefallen war und mich von Baumwipfel zu Baumwipfel zu begleiten scheint. Ich kann den Gesang nicht zuordnen. Bleibe ich stehen und sehe mich nach ihm um, dann kann ich ihn nicht entdecken, dann ist es still. Fröhlich zwitschert er wieder, sobald ich mich in Bewegung setze.

Als ich das Ende des Wegs erreiche und wieder auf die Straße komme, zwitschert der Vogel immer noch. Aber weder auf einem Garagendach noch auf einem Fenstersims ist etwas zu sehen. Ich werde noch verrückt, denke ich, trinke einen Schluck aus dem Wegwasser, schaue nach unten auf meine Füße, die in Flip Flops stecken und vor sich hin schwitzen. Dann wird mir alles klar. Ich gehe ein Stück, ohne meine Füße aus den Augen zu lassen und siehe da, von dort kommt das Zwitschern: nasse Haut auf Gummi.

Donnerstag, 13. Juni 2013

Szenen einer Vorlesung

Die Vorlesung vom Montag war wieder sondergleichen. Da fragt der Professor das Publikum doch tatsächlich nach einem Sendeformat auf RTL oder Pro 7, ich weiß es nicht mehr. "The biggest Loser", kann das sein? Und wenig später fragt er schon wieder nach einem anderen. Da ich ganz vorne sitze, hätte ich ihm darauf gern geantwortet, dass ich kein Reality-Doku-Dreck schaue, dafür lieber die Welt lese. Nur ist mir das leider nicht eingefallen in dem Moment. Dass ihm beim Thema Leistungsbeurteilung überhaupt solche seltsamen Dinge einfallen. Das muss am Mond gelegen haben, oder an der Uhrzeit, oder der Hitze, was weiß ich:

„…Ich muss das Kind nachts wecken können… und dann 8 mal 7! Das muss kommen… und nicht nach 4 Tagen lernen…“

„…Das Schiff ist hundert Meter lang und vierzig Meter breit. Wie alt ist der Kapitän? …und dann fangen die an zu rechnen…“

„…Versetzungen sind wie Siedler von Catan Spielen. 3 Holz sind 1 Schaf... Da ist die Fünf und dort hat er 2 Dreien… das ist alles hoch mysteriös…“

„…Kind kommt nach Hause. ,Na Chantal, was haste geschrieben?‘ ,Ne 4, aber das Beste war eine 3,5.‘

„…Sagen wir, Sie haben ein Date. Sie gehen essen und merken: er schmatzt. Wenn das für Sie ein NoGo ist, ist das gegessen. Haben Sie aber schon 8 Dates vorher absolviert – Sie waren im Zoo oder so – und stellen dann erst fest, dass er schmatzt, ist das vielleicht nicht so schlimm… …um mal ein harmloses Beispiel zu nennen…“

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