Sehr geehrter Herr F.,
waehrend einige meiner ungewoehnlicheren Namensgebungen fuer Schnecken Eingang in verschiedene Auflistungen im Internet gefunden haben, ist Ihre in der Tat die erste direkte Anfrage an mich, die sich auf meine nomenklatorischen Eskapaden bezieht.
Was ich mir dabei gedacht habe als ich (Gerber 1996) eine fossile Schneckenart aus der Inneren Mongolei Vallonia eiapopeia benannte, kann ich nach all den Jahren wirklich nicht mehr genau sagen. Ich kann aber versuchen, rueckschauend einige wahrscheinliche Faktoren, die bei der Namensgebung eine Rolle gespielt haben duerften, aufzuzeigen.
Zunaechst weise ich darauf hin, dass von den acht in der genannten Arbeit beschriebenen neuen Arten und Unterarten drei ungewoehnliche Epitheta im Stile von eiapopeia bekamen:
Vallonia patens tralala
Vallonia eiapopeia
Vallonia hoppla
Die derivatio nominis fuer V. eiapopeia (Gerber 1996: 147) lautet: "eiapopeia (deutsch): bedeutungsloses Klangwort, welches besonders in Schlaf- und Wiegenliedern Verwendung findet; "eiapopeia" ist als Wort unveraenderlich und als spezifisches Epitheton wie eine substantivische Apposition zu behandeln."
Da haben Sie also den Zusammenhang mit deutschem Liedgut. Ich kann aber mit Gewissheit sagen, dass keine spezielle Erinnerung mich mit eiapopeia oder den anderen beiden Worten verbindet, etwa dass meine Mutter mir im Kindesalter Lieder vorsang, welche tralala, eiapopeia und hoppla enthielten.
Der Grund fuer diese und andere ungewoehnliche Artnamen ist wohl eher in etwas anderem zu suchen. Die wichtigste Eigenschaft eines zoologischen Artnamens, d.h. der Kombination eines Gattungsnamens (z.B. Vallonia) mit einem spezifischen Epitheton (z.B. eiapopeia) ist seine Einmaligkeit. Leider ist es im Laufe der Geschichte zu zahlreichen Verstoessen gegen die Regel von der Einmaligkeit der Artnamen gekommen, was zu Homonymien gefuehrt hat, die uns Taxonomen erhebliche Ungemach bescheren. Ausserdem sind schon eine Menge von Artnamen kreiert worden, und wenn ein Name veroeffentlicht ist, kann er nicht noch einmal fuer eine zweite Art verwendet werden. Der Taxonom, der eine neue Art beschreibt, sollte daher alles ihm Moegliche tun um sicherzustellen, dass der neue Artname einzigartig ist. Einfache descriptive Epitheta, wie magna, parva, alba, grisea, nigra, plana, alta etc., koennen problematisch sein, weil die Wahrscheinlichkeit, dass sie schon frueher in einer bestimmten Kombination verwendet wurden, relativ hoch ist. Ausserdem sind sie oft wirklich nicht besonders hilfreich fuer die charakterisierung der Art. Z.B. sehen sich alle Vallonia-Arten recht aehnlich und somit sind Epitheta wie alba oder parva einigermassen nichtssagend, denn sie treffen auf so ziemlich alle Arten der Gattung zu. Die Nomenklaturregeln erlauben aber alle moeglichen Epitheta, sogar bedeutungslose Buchstabenkombinationen. Warum also nichrt ein ungewoehnliches Epitheton? Damit ist die Einmaligkeit gesichert und ausserdem gefallen mir die Namen einfach. Ich bin der Ansicht, dass Vallonia eiapopeia und Vallonia hoppla gut von der Zunge rollen.
Es hat wohl auch eine Rolle gespielt, dass ich der Ansicht war (und bin) dass manche meiner Kollegen sich und ihre hehre Wissenschaft ein wenig zu ernst nehmen. Generell sind taxonomische Publikationen eine knochentrockene Angelegenheit und ich freue mich, wenn in einer solchen sprachlichen Wuestenei ein ungewoehnlicher Name gleichsam als Oase mich zum Laecheln bewegt. Vielleicht haben meine Namen auch einige Leser zum Schmunzeln gebracht, was mich freuen wuerde.
In diesem Sinne alles Gute mit Ihrem Projekt,
Jochen Gerber
GERBER, J. 1996. Revision der Gattung Vallonia RISSO 1826 (Mollusca: Gastropoda: Valloniidae). Schriften zur Malakozoologie 8: 1-227.
Damit ist das Rätsel um "
eiapopeia"
wohl einigermaßen gelöst und könnte bei Wikipedia eingetragen werden.
Diese Mail schrieb ich zur Zeit der Veröffentlichung in diesem Blog an eben diese Person. Gewidmet ist der Artikel einer Person, die manchmal drei Uhr nachts aufsteht und sich durch Lesen im Netz wieder müde machen muss.
Sehr geehrter Herr Gerber,
ich forsche derzeit an einer rhetorischen Stilfigur, Embolium, und versuche den Hinweisen, die mir das Internet dazu bietet, nachzugehen und aufzulösen. Auf Sie bin ich gekommen, weil Sie in Ihren taxonomischen Beschreibungen ein Schneckenexemplar als
vallonia eiapopeia benannt haben.
Mich interessiert daran lediglich das „pop“ im Zentrum des Zunamens „eiapopeia“, was ähnlich dem „pet“ in Etepetete eine Schlüsselrolle zu spielen scheint. Daher kommt auch mein vorläufiger Arbeitstitel Embolium, Zwischenspiel. Gleichzeitig befürchte ich aber, mit meinen Hypothesen viel tiefer in die Materie eingedrungen zu sein, als Sie selbst damit beabsichtigten. Die Auflösung wäre demnach profan, wo ich selbst Assoziationen vermutete.
Daher möchte ich Ihnen meine drei Hypothesen kurz vorstellen:
1. Eiapopeia steht für die Liedzeile „Eiapopeia, was raschelt im Stroh“, mit der Sie eine spezielle Erinnerung verbindet.
2. Eiapopeia ist die Schneiderisierung (Helge Schneider) der lateinischen Interjektion eia, „auf!“ und bezieht sich auf ähnliche Äußerungen Schneiders wie zum Beispiel"wichtig popichtig".
3. Ihnen ist nichts besseres eingefallen.
Der dritte Punkt, ich deutete ihn bereits an, würde mich natürlich eher betrüben. Sollte es also genau so sein, erwarte ich von Ihnen keine Antwort. Wenn allerdings andere Gründe vorliegen als die Genannten oder genau diese, die ich Ihnen in Punkt 1 und 2 erörtert habe, so wäre mir mit einer Antwort Ihrerseits in meinen Recherchen sehr geholfen.
Mir ist durchaus bewusst, dass Sie entweder sehr viele solcher Anfragen erhalten haben oder aber noch nie auch nur eine. Und mehr, als um Entschuldigung zu bitten wegen meines Problems bleibt mir nicht zu sagen, daher auf Antwort hoffend aber nicht erwartend verbleibe ich mit freundlichen Grüßen
K.F.
Das Problem ist keines, was nur mir persönlich am Herzen liegt, denn selbst Wikipedia ist irgendwie an einer Auflösung interessiert (siehe erster Absatz).
Im Rahmen eines Seminars, das gestern seinen Abschluss fand, haben wir uns intensiv mit dem Konstrukt der Intelligenz beschäftigt und sind in der abschließenden Diskussion zu dem Ergebnis gekommen, dass nicht unbedingt viel darauf zu geben ist, mindestens jedoch gesunde Skepsis an den Tag gelegt werden sollte, wenn von der Intelligenz oder dem Intelligenzquotienten die Rede ist. Im Laufe des Seminars haben wir unterschiedliche Modelle der Intelligenzberechnung durchgenommen, einen Faktor g, also eine allgemeine Intelligenz, hatten viele dieser Modelle gemeinsam und auch die Unterscheidung in fluide, also Problemlösefähigkeit und logisches Denken, und kristalline Intelligenz, explizites Wissen, war vielen Modellen eigen.
Eine Frage, die allerdings nicht beantwortet werden konnte, hat mich während des Seminars immer wieder beschäftigt. Wie verhält sich die Akzeptanz des Wertes der eigenen Intelligenz zum gemessenen Ergebnis? Meine Hypothese dazu lautet, dass sie sich ebenso verhält wie das Aufkommen des IQ selbst, nämlich entlang einer Gaußkurve. Das heißt genauer, dass die Akzeptanz zum Ergebnis im Intelligenztest nach gemessenem IQ in der Spanne von 85 bis 115, also von einer Standardabweichung zu beiden Seiten der 100, am höchsten ist und je nach Höhe des gemessenen Wertes zu beiden Seiten hin abfällt. Konkreter würde das für die Intelligenzmessung bedeuten, dass insbesondere sehr niedrig ausfallende und sehr hoch ausgefallene Messergebnisse von den jeweiligen Probanden weniger akzeptiert werden, als Werte im Normalbereich.
Doch was bedeutet das? Auf dem Gebiet der differentiellen Psychologie stellt die Intelligenzforschung einen nicht kleinen Forschungszweig dar, der unter Umständen erheblich in das Leben Vieler eingreifen kann. Sei es nun der Einstellungstest bei einem Arbeitgeber oder die Vorschuluntersuchung oder ein Schullaufbahntest. All diese Ergebnisse können dazu führen, dass Lebenswege vorgezeichnet werden, die von den Betroffenen unterschiedlich aufgenommen werden können. Im Allgemeinen verlässt sich aber vor allem der Tester auf das Ergebnis und gibt dernach Empfehlungen für Job oder Schullaufbahn. Gekniffen sind die Getesteten, wenn das Ergebnis nicht das gewünschte, bzw. eher erhoffte Resultat liefert.
Zwei Extrembeispiele sollen das einmal näher erläutern: Vor nicht allzu langer Zeit geisterte der Fall des Marvin Wilson durch die Presse und führte nicht zuletzt wegen des bei ihm gemessenen IQs zu einem Aufschrei der Empörung. Wilson hatte einen IQ von 61, was in den USA als geistig behindert gilt. Somit ist die Schuldfähigkeit eingeschränkt. Trotzdem wurde Wilson hingerichtet, weil er in anderen Messungen einen IQ von 71 bzw. 75 erreichte. Wie gekniffen der Getestete in diesem Fall war, muss nicht näher erläutert werden.
In einem anderen Fall – auch dieser findet im Netz Verbreitung – geht es um eine New Yorker Stripperin, die angeblich einen sehr hohen IQ haben soll. Ich konnte das nicht genauer nachprüfen, ob es sich bei dieser Messung eher um eine Ente oder um ein tatsächlich stattgefundenes Ereignis handelte, muss es aber gar nicht, denn zwei Dinge werden dabei klar: sollte es sich um eine Ente handeln, scheint zumindest der Wunsch nach einer „Normalisierung“ erkennbar zu sein, also die Akzeptanz des Messergebnisses nimmt auch bei hohen IQs ab. Oder, sollte es tatsächlich wahr sein, bestätigt es meine Hypothese zumindest insofern, als dass ein hohes Ergebnis nicht automatisch zu den bestmöglichen Lebensentwürfen führt.
In beiden Fällen, wie auch in vielen anderen sind es jeweils nur die Tester, bzw. die Beobachter, die etwas davon zu haben scheinen, den Getesteten geht es entweder nichts an oder es ist ihnen egal. Die anfänglich beschriebene „gesunde Skepsis“ reicht bei weitem nicht aus, wäre mein Ergebnis dieser Überlegungen. Offenes Misstrauen jeglicher Art dieser Tests, den Entwicklern und Anwendern gegenüber wäre wohl eher angebracht.
Gestern war ich hinter dem Schloss, das ja bekanntlich das Hauptgebäude der Universität Hannover darstellt, zu einer kleinen Sause. Es gab Bühnen, Getränke und allerlei Quatsch, den man mitmachen konnte. Unter anderem gab es einen elektrisch-mechanischen Torwart, der alle Bälle hielt, die man ihm zukommen ließ, egal wie schnell, egal wie langsam und, fast, egal wohin; genau links oder rechts oben in die Ecke des Tores reichte der Torwart nicht hinein, nur dort konnte der Ball versenkt werden.
In puncto Getränke habe ich einen völlig verhunzten Wodka genossen, es waren Chilischoten darin eingelegt. Allerdings gab es am gleichen Stand ein Getränk, auf das ich viel eher scharf war:
Kwas. Ich kostete auch den und war enttäuscht. Leider zuviel Zucker und zu wenig Geschmack. Und auf meine
Frage hin, was den Borodinski Kwass, also insbesondere Borodinski bedeutete, gab es keinerlei Auskunft über Geschmacksrichtung oder Ausrichtung. Wenn es keine Cola gäbe, hätte ich dem Getränk hervorragende Absatzmöglichkeiten attestiert.
Ich hörte heute Nachmittag einen Radiobeitrag auf D-Radio Kultur. Zufällig erwischte ich genau den Moment, an dem ich das Radio ausschalten konnte, ohne mich später darüber zu ärgern, vielleicht noch etwas Wichtiges verpasst zu haben. Ich sitze nämlich nicht selten im Auto und höre einen Radiobeitrag und dann gilt es auszusteigen, zu arbeiten. Hey, du bist da!, denke ich mir zu und schalte wehmütig den Motor aus; mit ihm das Radio. Dann ärgere ich mich sogar darüber, überhaupt Radio gehört zu haben.
Aber ich höre nicht einfach Radio. Ich höre meistens D-Radio Kultur. Ich kenne das Programm, finde die Musik gut, die Literaturtipps, überhaupt das Feuilleton. Fahre ich morgens am Dienstag los, um meinem Job nachzugehen, erwische meist ein wenig davon und später, wenn alles eingekauft worden ist und ich zurückfahre, höre ich noch ein wenig von der Ortszeit, einer Nachrichtensendung mit größerem Umfang.
Nachmittags höre ich fast nie Radio, es sei denn, ich habe irgendeinen Weg, so wie heute, dann kommt es schon einmal vor, dass ich das Nachmittagsfeuilleton einschalte. Es geht um Lampen, um LED, um genauer zu sein. Ich verstehe nichts, weil ich den Anfang verpasst habe, bis ich plötzlich Marketingleiter, neues Lampensystem und Stimmungslampe höre und von einem Raum gesprochen wird, in dem 3 Lampen stehen, die unterschiedliches Licht aussenden. Man stelle sich vor, es gibt da eine App, die berechnet die Lichtqualität aus einem Foto heraus und stellt die Beleuchtung im Raum danach ein. Ein Karibikfoto und schon ist das Wohnzimmer in Karibiklicht getaucht, Urlaubsstimmung durch Beleuchtung.
Ich habe nicht am Ende des Beitrages ausschalten können, weil ich mein Fahrtziel bereits vorher erreicht hatte. Ich ärgerte mich nicht darüber, ich schrieb ja bereits, dass ich genau den richtigen Moment erwischte, um auszuschalten. Es ging gerade darum, welche Stimmungen in dem Leuchtensystem bereits vorprogrammiert seien, als ich mich ohne zu zögern von diesem Radiobeitrag trennen konnte. Es gibt da zum Beispiel spezielles Licht zum Schlafen.
Im Schein der Abendsonne wurde es offenbar:
ich las in einem Buch, die Seiten aus Tapete.
Als ich neulich nach dem Heruntertragen einer Waschmaschine aus dem vierten Stock auf meine Hose schaute, bemerkte ich, dass sich zwischen meinen Beinen ein Riss auftat. Die Hose war der Anstrengung nicht gewachsen und hatte an sensibler Stelle nachgegeben. Ich befand mich auch gerade am Anfang des Umzugs, so dass ich nicht mal eben verschwinden konnte, um mich umzuziehen. Das klingt gerade bei solchen Anlässen ebenso fadenscheinig wie es mein Beinkleid an genannter Stelle war, kurz bevor es zerriss. Stattdessen dachte ich an eine Telefonnummer, die ich nicht hatte.
Gehen wir noch ein kleines Stückchen in der Zeit zurück und besuchen nur ganz kurz das geographische Wunder von Linden Nord, den Kötnerholzweg. Der Kötnerholzweg verläuft einmal quer durch den Stadtteil und verhält sich ungefähr so wie eine Linie bei Kandinsky. Sie schneidet fast jede Querstraße in einem spitzen oder weiten Winkel, je nach Perspektive, aber nie in einem rechten. Nun gibt es auf dem Kötnerholzweg neben ein paar Kneipen, Kiosken, einem Fischgeschäft, einem Elektriker und kleineren Klamottenläden auch eine Änderungsschneiderei. Diese befindet sich, je nach Perspektive, im oberen bzw. unteren Abschnitt auf der linken bzw. rechten Seite der Straße.
Schon vor geraumer Zeit fiel mir auf, dass diese kleine Änderungsschneiderei niemals geöffnet ist. Und als ich mit ein wenig Zeit bewaffnet daran vorübergehen wollte, blieb ich stattdessen stehen und widmete mich der Auslage. Diese besteht nach wie vor aus einem zugehängten Schaufenster und einer ebenso zugehängten Tür. Je nach Perspektive kann niemand hinein bzw. hinausgucken. Dafür kleben jedoch zwei Zettel an der Tür. Auf einem sind die Öffnungszeiten abgedruckt und auf einem zweiten steht, dass derzeit wegen Krankheit geschlossen sei. In Notfällen könne allerdings jemand erreicht werden unter der hier abgedruckten Telefonnummer.
Ich hatte die Telefonnummernatürlich nicht notiert. Ich hatte, als ich vor dem Geschäft stand, innerlich geschmunzelt, weil mir partout kein Notfall einfallen wollte, weswegen ich eine Änderungsschneiderei anrufen muss. Und jetzt stand ich mit Luft im Schritt unten beim Transporter und dachte an diese Telefonnummer. Wäre das ein Notfall? Kommt jetzt gleich ein Nadelfadenkommando mit Blaulicht um die Ecke und näht mir meine Hose zu, wenn ich die Nummer anrufe? Bräuchte ich mich ja gar nicht zu fragen, eigentlich, ich habe ja die Nummer nicht.
Die Sitzung vom 20.06.2013 im Seminar „Zur sozialisatorischen und pädagogischen Bedeu-tung des Spiels“ widmete sich nicht der üblichen „Klassikerexegese“, sondern betrachtete stattdessen ein besonderes Phänomen der Schulbuchgestaltung. Schon zu Beginn der Sitzung wurde von H. K., der die Sitzung leitete, klargemacht, in welchem Zusam-menhang sein vorgestelltes Thema zum Kontext des Seminars gesehen werden sollte. Durch eine Seminararbeit zur Bebilderung von Schulbüchern, die er im Rahmen eines anderen Seminars anfertigt, kam ihm der Gedanke, dass Sportmetaphern in den Bebilderungen von Schulbüchern einen überproportional großen Stellenwert einnehmen. Um die pädagogische Bedeutung des Spiels – in seinem hier vorgestellten Fall des sportlichen Wettkampfs – herauszuarbeiten, hatte er für uns als Beispiel ein Deutschbuch der 5. Klasse aus dem Verlag Cornelsen aufbereitet und mehrere Abbildungen aus dem Themenkomplex „Arbeitstechniken“ zur Verfügung gestellt. Dieser Teilbereich der Arbeitstechniken widmete sich dem Thema „Hausaufgaben organisieren“. H. K. betonte, dass es ihm nicht schwer gefallen sei, einerseits Abbildungen generell und andererseits Abbildungen zu finden, die seine These vom übermäßigen Gebrauch von Metaphern des Sports unterstützen.
Problematisch erschien sowohl dem Plenum als auch dem Dozenten, dass Abbildungen in Schulbüchern dadurch nicht einer gewissen Verlogenheit entbehren, die sich – überspitzt formuliert – auf das gesamte System Schule übertragen ließen. In einem kurzen Exkurs seitens Herrn Wernet wurde dazu sinngemäß die Antrittsrede eines Schuldirektors zitiert, dem es oblag, eine Klasse von neu eingeschulten Kindern auf den Schulalltag vorzubereiten. In dieser Rede wurde – ebenfalls überspitzt formuliert – nicht gesagt, dass Kuscheltiere nur in der ersten Woche erlaubt seien, die Schülerinnen und Schüler vor allem das Stillsitzen und Nur-Reden-wenn-sie-gefragt-werden zu lernen haben, sondern, dass sie neue und alte Freunde um sich hätten, neue Herausforderungen auf sie warten würden, der Ernst des Lebens begänne und noch weitere unscharfe Formulierungen. Sowohl die Einführung in den neuen Lebensabschnitt Schule als auch die Bebilderung von Schulbüchern hätten demnach etwas „verlogenes, zweifelhaftes“, im Mindesten jedoch wären sie „wirklichkeitsfern“ zu nennen.
Ich weiche in den folgenden Darstellungen vom chronologischen Ablauf der Ereignisse ab, da sich die freie Interpretation der Abbildungen durch das Plenum während des Seminars nicht ohne eine gleichzeitige Darstellung der Bilder bewerkstelligen ließe. Daher beginne ich mit einer möglichst wertfreien Darstellung des Gesehenen und erst darauf folgen die markanten Punkte in der Diskussion. Die zur Abbildung gehörenden Formulierungen wer-den nur dann in einen Kontext gestellt, wenn es hinsichtlich der Evidenz der Interpretation notwendig erscheint.
Bildanalyse Bild 1
Bild 1 zeigt einen Jungen, der offensichtlich in den Vorbereitungen steckt, einen Start auf einer Kurzlaufstrecke vorzunehmen. Außer dem Jungen ist nur noch ein Startblock darge-stellt. Der Junge wendet dem Betrachter zwar sein Gesicht zu, der Blick jedoch ist nicht klar einer bestimmten Richtung zuzuordnen. Er befindet sich in der Hocke und steckt mit einem Bein bereits im Startblock, auf dem eine 1 abgedruckt ist.
Die abgebildete 1 auf dem Startblock bot sogleich eine Vielzahl an Interpretationsmöglich-keiten, die letztendlich jedoch alle auf eine Platzierung im Rennen hindeuteten. Hielte man sich nah am Text, so ließe die Abbildung den Schluss zu, dass eine gute Vorbereitung automatisch zu einer guten Platzierung führe. Eine gemäßigtere Interpretation dagegen gestand der 1 lediglich die Funktion einer Startposition zu, im Sinne von mehreren Startbahnen, die durchnummeriert werden und bei 1 beginnen. Die 1 (übertragen auf den schulischen Kontext) als Benotung zu sehen, konnte sich demgegenüber nicht durchsetzen. Grundsätzlich ist aber der fast alles dominierende Wettkampfgedanke festzuhalten, außerdem die Verhaltens- und Spielregeln, die zu beachten sind und die „Illusion“ eines guten Ergebnisses bei guter Vorbereitung. Auf der anderen Seite wurde mehrfach vom Plenum darauf hingewiesen, dass die Abbildung aufgrund ihrer fehlerbehafteten Darstellung geradezu dazu einlädt, missgedeutet zu werden. Dies äußerte sich einerseits bereits bei der abgebildeten 1, weil sich eine Startposition – sollte diese Deutung angenommen werden – auf der Bahn befindet und nicht auf dem Startblock, und andererseits der Startblock selbst nur „rudimentäre“ Merkmale eines solchen besaß: es gab nur die Möglichkeit, einen Fuß einzustellen, der normalerweise aus zwei Fußstützen bestehende Startblock war nicht vollständig dargestellt.
Der allgemeinen Dominanz des Wettkampfgedankens ließ sich dann noch entgegenhalten, dass der Junge in seinem Startblock nach hinten schaut, also noch nicht als im Start befindlich dargestellt wird. Er vergewissert sich der richtigen Einstellung des Startblockes, dies war allgemeiner Konsens in der Diskussion. Im Hinblick auf die Wortwahl im Text tritt der Wettkampfgedanke wiederum sehr in den Fokus. Die Formulierung „präzise Einstellen“ deutet auf die seitens der Verfasser gewünschte Sorgfalt der Hausaufgabenvorbereitungen hin. Die Formulierung „Hindernisse aus dem Weg räumen“ allerdings erzeugt kein vernünftiges Bild im Kopf des Betrachters, weil ein Läufer zwar durchaus seinen Startblock präzise einstellt, sich im Allgemeinen aber nicht darum zu kümmern hat, dass seine Laufstrecke frei von Hindernissen ist. Sowohl Text als auch Darstellung vermitteln daher den Eindruck, dass die Verfasser selbst nicht ausreichend vorbereitet gewesen waren, als sie den Vergleich der Hausaufgabenvorbereitung mit den Vorbereitungen auf einen Kurzstreckenlauf anstreng-ten.
Bildanalyse Bild 2
In diesem Bild wird eine Laufstrecke gezeigt. Diese wird durch ein Schild, auf dem „Start“ steht, in ihrem Anfang markiert, verläuft dann in Schlängellinien irgendwohin und ist mit unterschiedlich hohen Bücherstapeln belegt, auf denen jeweils „Portion 1“, „Portion 2“ usw. abgedruckt ist. Am Anfang der Strecke hockt ein Junge in der „üblichen“ Starterpose. Hier fehlt ein Startblock und außerdem ist der Junge nicht adäquat gekleidet: er trägt eine lange Hose und ein Shirt, ist aber nicht mit Schuhen, sondern lediglich mit Socken bekleidet.
Auch in dieser Darstellung kommt das Wettkampfmotiv zum Tragen, hier wird allerdings zusätzlich deutlich, dass der Läufer mit Anstrengungen konfrontiert wird, denen er scheinbar nicht ausweichen kann. Die Bücherstapel wurden vom Plenum überwiegend als Hürden gedeutet und deren unterschiedliche Höhe, als auch der Schriftzug „Portion“ deuteten darauf hin, dass die Bücherstapel als unterschiedlich einzuteilendes Arbeitspensum zu gelten haben. Der Schriftzug „Portion“ rief auch eine Assoziation mit Mahlzeiten bzw. dem Essen hervor, dem wurde aber nicht weiter nachgegangen. Die Bücherstapel wurden jedoch nicht nur als Hürden in einem Wettkampf interpretiert, sondern auch als Hindernisse allgemein, was im Schulkontext einen fragwürdigen Beigeschmack bekommt. Bücher als Hindernisse darzustellen kann nicht dazu beitragen, Schülerinnen und Schüler zum Lernen zu motivieren, die anfangs formulierte These der Verlogenheit und Wirklichkeitsferne bekommt hier neues Gewicht. Tatsächlich könnte man dem Gedanken verfallen, dass die hier gewählte Darstellung unfreiwillig ehrlicher war, als es sich die Verfasser gewünscht haben könnten.
Anstoß erregten auch die fehlenden Schuhe. Nach Meinung einiger aus dem Plenum sollte dies auf den Umstand hindeuten, dass es sich um eine Tätigkeit im häuslichen Rahmen handeln soll (Hausaufgaben). Von Herrn Wernet wurde diesbezüglich eingeworfen, dass es generell fraglich sei, wie sich die Schule in den privaten Rahmen von Schülerinnen und Schülern einmischt.
Bildanalyse Bild 3 und 4
Beide Illustrationen wurden aufgrund mangelnder Zeit nur kurz angerissen. Bild 3 zeigt ein leeres Zimmer und diente als Untergrund für die rechts davon abgebildeten Möbel, die schablonenartig im Zimmer angeordnet werden sollten, um eine „angenehme Arbeitsat-mosphäre“ zu schaffen. Bild 4 zeigt eine 24stündige Uhr, deren Verlauf die Tageszeit dar-stellen soll. Die Verfasser gaben hier drei Phasen vor, die jeweils mit einem Fragezeichen belegt sind und die Zeit darstellen sollen, die für Hausaufgaben genutzt werden soll.
Auffallend an beiden Abbildungen war der zuvor bereits erwähnte Eingriff in die Privatsphäre der Schülerinnen und Schüler. Nicht nur, dass hier vorgeschrieben wurde, wie das eigene Zimmer einzurichten sei, traf dabei auf Unverständnis. Mit keinem Wort ist zum Beispiel erwähnt worden, dass es sich dabei um ein Kinderzimmer handeln soll, vielmehr war durchgehend von einem Arbeitszimmer die Rede. Im Text dazu ging es demzufolge auch nicht um den Verbleib von Lieblings-CDs oder Comics, sondern um Arbeitsmaterialien und Schreibtischposition. Nicht geklärt wurde, wo sich die Comics denn befinden sollten.
Die Darstellung der 24stündigen Uhr sorgte grundsätzlich für Verwirrung, weil zuerst einmal nicht klar war, wie sie funktioniert. Als sich im Plenum ein Konsens dazu bildete, wurde nur noch festgestellt, dass es sich bei den einzuteilenden Zeiten für die Hausaufgaben um Bereiche des Nachmittags handelt, was nach dem Eingriff in die Gestaltung des „Arbeitsraumes“ vor allem einen Eingriff in die „freie“ Zeiteinteilung der Schülerinnen und Schüler darstellte.
Insgesamt waren alle Abbildungen in der Technik der Ausführung, in ihrer Aussagekraft und im Verhältnis zum Text mehr als fragwürdig. Es schien, so formulierte es Herr Wernet, als wären den Illustratoren zufällig ein paar Bilder untergekommen, die unbedingt in das Buch gepflanzt werden sollten. Anstatt durch unmissverständliche und wahrheitsgetreue Abbildungen einen Text zu illustrieren, sind hier uninspirierte Stempel aufgedrückt worden, die an den Verfassern des Schulbuches und ihren Absichten zweifeln lassen.