Angesichts der Pariser Katastrophen wollte ich eigentlich lieber nichts schreiben. Da ist schon so viel gesagt und geschrieben worden, dass es mir nicht notwendig erscheint, da auch noch eine Fuhre Senf oben drauf zu schippen, zumal mein Senf bestimmt auch schon irgendwo geschrieben steht – nur eben nicht mit meinen eigenen Worten. Ich widme mich da lieber dem Tagesgeschäft und möchte mit diesem ersten Absatz nur mitteilen, dass diese Dinge nicht spurlos an mir vorüber gegangen sind.
Im Lidl musste ich heute bemerken, wie mir der Markt meinen Einkauf diktieren möchte. Discounter sind ja sowieso nicht dafür bekannt, ein ausreichend breites Sortiment zu haben, von Tiefe wollen wir erst gar nicht reden, doch in welche Richtung sich die Sortimente bewegen, war mir bislang noch nicht so klar. Heute wurde mir dies vor Augen geführt.
Ich war mit einem Einkaufszettel bewaffnet die Reihen abgegangen, entdeckte zu meiner Freude vier geöffnete Kassen, die alle nur wenig von Kunden frequentiert waren, als mir eine Notiz auffiel, die ich noch nicht abgearbeitet hatte. Ich stellte also meinen Wagen vor den Kassen ab, um diesen letzten Artikel in den Wagen zu verfrachten, Grieß.
Unsere Kinder essen gerne Grießbrei, dafür braucht man Grieß, Milch und ein wenig Zucker. On top könnte man noch Kirschen kaufen oder Apfelmus oder irgendwas anderes, was einem gerade schmeckt. Diese Sache ist so einfach zu kochen, das bekommt man sogar ohne einschlägige Rezepte hin, zumal sich auf der Verpackung mindestens ein solches Rezept nebst dem obligatorischen Serviervorschlag anbiedert.
Da das Verkaufspersonal an der Kasse saß, war der Laden natürlich unbesetzt. Ich fand den Grieß nämlich nicht. Er war nicht bei den Backwaren, bei den Nudeln war er nicht und beim Reis stand auch nix. Und dann stand da plötzlich dieser fesche Verkäufer mit Ohrring im Ohr und Piercing am Auge herum und ich fragte ihn sogleich, wo der Grieß denn sei. Grieß haben wir nicht mehr, sagte er mir und eilte an mir vorbei.
Mir direkt gegenüber stand das Regal für Reis, da gab es zwei Sorten Milchreis und vier Sorten Fertigmilchreis zum Anrühren. Es gibt kein Suppengrün, dafür aber drei Sorten Gemüsebrühe: von einem Markenhersteller, von einer Hausmarke und als Würfel. Es gibt jede Menge überteuerter Werbeartikel, mal ist Japan an der Reihe, dann Italien und dann Mexico, und wenn die Saison vorbei ist fristen die Reste ein Regal weiter ihr Dasein. Man kann im Lidl Kugelschreiber kaufen, Unterwäsche und Steckschraubenschlüssel, nur Grieß, den gibt’s es nicht mehr. Für Grieß muss ich jetzt ins Delikatessengeschäft oder in den Bioladen oder ich muss ihn bei meinem Dealer bestellen, ich weiß es nicht.
Angesichts der Katastrophen in Paris erscheint mir meine soeben gemachte Erfahrung geradezu lächerlich. Jetzt, wo ich mich als wahrscheinlich einziger über Grieß beim Discounter ausgekotzt habe, würde ich auch gern wieder zur Normalität zurückkehren, nur weiß ich leider nicht, wo das ist.
Der totale Einfall kam mir, als ich das Gespräch von gestern Nacht resümierte und unsere Stühle nachzählte. Wir hatten einen zu wenig für die Gäste, die zu Silvester bei uns feiern wollten. Daraus ergaben sich zwei Möglichkeiten, eine davon ließ mich mein Frühstück vorzeitig beenden und der anderen Möglichkeit zu harren, die nicht mir sondern meiner Frau eingefallen war. Lass uns doch schnell bei Ebay gucken, ob nicht einer einen solchen Stuhl gerade anbietet, dann können wir uns Ikea ersparen, sagte sie. Ich sah meine Kötbullar sich in Luft auflösen und fragte deshalb nach der letzten Scheibe Toast. Ja, die würde sie noch essen, sagte sie und schaltete sogleich den Rechner an, um nach frei gewordenen Stühlen zu fahnden.
Meine Laune war im Keller. Einsilbig kommentierte ich den von ihr vorgelesenen Bestand. Ich Glückspilz hatte Glück und die Stühle waren entweder nicht unser Modell oder zu weit weg oder zu teuer oder beides von allen. Es wurde abgemacht, zu Ikea zu fahren und den fehlenden Stuhl zu holen. Was wird da schon los sein, dachte ich noch, als meine Frau davon anfing, wie voll das da sein wird. Als ob die Leute nichts Besseres zu tun hätten, als zwischen den Jahren frittierte Klöße mit Pommes zu essen – Preiselbeeren finde ich bescheuert, sowas gehört ins Kompott.
Wir fuhren da hin und wie das manchmal so passiert, macht man sich so seine Gedanken, wo der Pulk der Autos denn so hin will am frühen Mittagmorgen. Als dann keine andere Option mehr offen war, musste ich meiner Frau zugestehen, dass sich Hannover zum Klöße Essen bei Ikea verabredet hatte. Die Freifläche war gesperrt, das erste Parkdeck komplett zugeparkt und im zweiten fanden sich ganz hinten noch ein paar Plätze für diejenigen, die zu spät dran waren, für uns also.
Wir machten aus, dass meine Frau den Stuhl und bei der Gelegenheit gleich noch ein Sitzkissen besorgen würde, während ich mit den Kindern irgendwo warten würde, um dann gemeinsam zur Kantine zu gehen. Es war so voll, dass ich Mühe hatte einen Platz zu finden, wo ich den Kinderwagen parken konnte, ohne dass er im Weg stand – er stand dann schlussendlich im Weg – und außerdem noch auf Madame ein Auge haben könnte. Der Große ist gerade bei den Großeltern, das machte die Sache einigermaßen übersichtlich. Madame kochte mir in der Kinderküche eine Suppe aus Pilzen, Fisch und dem Krönchen eines Stoffmuffins, während ich aus Kleinsttassen imaginierten Tee und Kaffee schlürfte. Heiß!, sagte Madame immer wieder und ermahnte mich, doch vorher zu pusten.
Dann war es endlich soweit. Wir gingen rüber, bestellten unsere Kötbullarportionen und fanden sogar einen Fensterplatz. Minimi bekam nur Brei, was ihn irgendwie zu frustrieren schien. Madame machte sich ohne Umschweife über die Klopse her, bis meiner Frau einfiel, ihr die kleine Schwedenflagge zu reichen, die in einem ihrer Klopse steckte, von da an wurde unter erschwerten Bedingungen weiter gespeist. Halbe Klopse landeten schon mal auf dem Fußboden, wenn die schwedische Gabel plötzlich nachgab, den Klopsen machte das nichts, die hatten da unten reichlich Gesellschaft.
Ich aß mit Inbrunst meine Kötbullar, die Pommes und die Soße, die so lau war, wie ich sie in Erinnerung hatte. Salz dürften die Schweden kaum gekannt haben, ein Umstand, den ich immer wieder vergesse, sobald ich mit den Klößen sitze und es mir gemütlich gemacht habe. Pech eben. Geht’s eben ohne Salz.
Nebenbei hörte ich die Durchsagen. Es kamen viele davon. Einige handelten von Falschparkern, andere von Kindern, die aus dem Smalland abgeholt werden wollten und die besten sind natürlich die Durchsagen, die sich an Personen richten, denen Angehörige verloren gegangen sind: „Herr Bartels, Herr Bartels, bitte kommen Sie in die Pflanzenabteilung! Ihre Frau und Ihre Tochter warten da auf Sie!“ Ich träumte von Familienzusammenführungen und davon, wie Herr Bartels nichts ahnend, dass er eine Tochter hätte, in die Pflanzenabteilung ginge und sich von weitem erst einmal einen Überblick verschafft, seine Tochter sieht und plötzlich entscheidet, dass er doch keine Tochter haben möchte, und diese Frau auch nicht. Was für ein schlauer Typ.
„Frau Bartels, Frau Bartels, bitte kommen Sie in die Pflanzenabteilung! Ihr Mann erwartet sie dort!“ Prompt kommt also die Retourkutsche, dachte ich bei dieser zweiten Anrufung. Da hat ihm die Frau und Tochter nicht gefallen und dann ruft er sich einfach eine Neue aus. Und auf die Tochter hat er gleich verzichtet, das muss ein richtiger Stratege sein dieser Herr Bartels. Vielleicht sollte ich mir auch einen Herr Bartels besorgen - aber heute nicht, es ist hier einfach zu voll.
Dienstag ist Einkaufstag. Da schnappe ich mir den Firmenwagen und fahre damit zur Metro, um die Köche, für die ich arbeite, mit allem Notwendigen zu versorgen. Häufig bekomme ich die Liste einer Filiale mit dazu und bringe im Anschluss auch dort die fehlenden Waren vorbei. Im Sommer habe ich sogar drei Filialen zu beliefern, dann ist der Dienstag ein ziemlich langer Tag.
Oh, du fröhliche, heute war die Liste kurz, die andere Filiale hat Betriebsferien. Ich packte meine Sachen, verlud sie ins Auto und stapfte mit dampfendem Kaffeebecher zur Fahrerseite und stieg ein. Tank leer, bis zur Tanke komme ich noch, sogar wieder zurück, ich machte mir keine Sorgen. Ich fuhr die Strecke, die ich immer fahre, bog in den Weg ein, den ich immer nehme, lud die leeren Flaschen, die ich dienstags ebenfalls zu entsorgen habe in die jeweiligen Glascontainer und dachte mir, ich müsste eigentlich kurz anrufen, ob die Köche schon da sind, denn dort wo die Glascontainer stehen ist der Scheideweg. Hier biege ich entweder zur Metro ab oder fahre geradeaus weiter in einen anderen Stadtteil, um einen Fleischer um ein wenig Kalb und Currywürste zu erleichtern.
Oh, du dämliche, mein Telefon steckte nicht in meiner Jackentasche, es lag zuletzt auf dem Küchentisch neben einer Kerze, die da seit kurzem steht. Die Richtung war also klar, nämlich keine von beiden, es ging zurück. Dort angekommen finde ich mein Telefon sofort, stecke es ein, renne wieder runter und fahre denselben Weg zurück. Anrufen hatte ich vergessen. Ich kaufte die wenigen Sachen ein, die auf der Liste standen und freute mich, dass ich so schnell würde fertig sein können. Dann schaute ich endlich auf mein Telefon.
Oh du tonlose, ich sah die drei Anrufe in Abwesenheit, von Apia, unserem Mann fürs Grobe? Wieso ruft der mich an? Braucht er noch dringend eine Parkettpflege? Ich stellte den Ton wieder ein und rief ihn an, er ging nicht ran. Ich rief im Laden an und bekam keine Verbindung. Apia rief mich zurück und reichte mich an den Koch weiter. Hallo Rupan, sagte ich. Er befahl mir 15 Entenkeulen, 2 Dosen Rotkohl, ein Stück Fleisch von einem Tier, das ich nicht kannte und Klöße, einen Tag vor Weihnachten. Ich hatte eine ganz kleine Ahnung, wie sich der Tag entwickeln würde, als ich die Klöße hörte. Vorher jedoch hörte ich genauestens hin, weil ich einfach nicht verstand, welches scheißtote Tier ich ihm verdammt nochmal mitbringen sollte. Unser Koch kommt ursprünglich aus Sri Lanka, spricht ein akzeptables Deutsch aber es gibt bestimmte Buchstabenverbindungen, für die sind srilankesische Zungen einfach nicht gemacht. Ich hatte jedenfalls seine Zunge im Ohr und verstand nullkommanichts. Glücklicherweise war der Chef da, wurde weitergereicht und sprach mit mir. Nicht Fisch, sondern Hirsch wollte Rupan haben. Ach, und das Festnetz ist übrigens kaputt, sagte er beiläufig. Ach, und da wäre noch eine Kleinigkeit, fing mein Chef an. Ob ich nicht kurz hochgehen könnte zu den Elektrosachen und ein Ersatzteil bestellen. Ich könnte ja auch hingehen, mir das Ausstellungsstück vornehmen und das kleine Teil einfach in meiner Jacke verschwinden lassen.
Oh du steinige, ich sagte, ich sehe, was ich tun kann. Dazu muss ich anmerken, dass ich am Haupteingang bei den Nonfoodsachen hereinkomme, meine Runde gehe und am Ende bei der Frischeabteilung herauskomme, direkt neben den Zigaretten und – das ist das wichtigere Detail – bei den Kassen für Gold- und Silberkartenbesitzer. Ich habe eine solche und wenn die Schlangen quer durch den Laden bis zum Frischfisch reichen, stinkt mir das nicht. Ich gehe zu einer der beiden Kassen und habe meist nie mehr als zwei höchstens auch mal vier Kunden vor mir. Da stand ich mit meinem Wagen, hakte gerade die Klöße ab, die es nicht gab – dafür aber Kloßteig – und brauchte nur noch durch die Kasse gehen und…, naja, es half nichts. Ich musste da hoch. Die Kaffeemaschine war schnell gefunden, das Ersatzteil jedoch war in dem Ausstellungsstück leider nicht vorhanden. Da vorn steht ein Verkäufer hinter dem Tresen und telefoniert, gleich bin ich dran, ja, jetzt: „Ich möchte ein Ersatzteil bestellen für die Kaffeemaschine da vorne“, rief ich und zeigte nach hinten, wo das Ding herumstand. Er drehte sich um und sagte mir, das müsse ich unten tun, im Servicebüro. Im Servicebüro? Das Servicebüro sei der Empfangsschalter, dort arbeiten welche, die bestellen Ersatzteile.
Oh du umständliche, ich trat den Rückzug an und stellte mich unten an den Schalter, der von Kundschaft penetriert wurde, die in losen Reihen an mindestens vier Stellen standen bei zwei telefonierenden Frauen. Es ging erstaunlich schnell, ich kam nach nur zehn Minuten an die Reihe. Mein Begehr nur kurz angerissen, ach da wäre ich bei ihr falsch, das macht die Kollegin, da müssen sie sich dort anstellen. Wo gerade eine Frau eine LKW-Ladung Senfflaschen zurückgeben wollte.
Oh du schäumende, weil alle nach mir gekommenen Kunden jetzt vor mir an der Reihe waren, weil ich meine Position gewechselt hatte, wartete ich weitere zehn Minuten, um mich dann fragen zu lassen, ob ich auch eine neue Kundenkarte bräuchte, weil das ja nicht die richtige Schlange undsoweiter. „Ich will was bestellen“, bellte ich. Sie trottete zu mir herüber mit dem Vernichtungsschlag auf der Zunge. „Artikelnummer?“ Artikelnummer?
Oh du mörderische, das hätte mir niemand gesagt, ich war doch gerade…, nein, ohne Artikelnummer könne sie nichts bestellen. Ich solle doch bitte wieder nach oben gehen und mir für das Ersatzteil eine Artikelnummer geben lassen. Nur ganz kurz, es gab keine Artikelnummer. Der Kollege von vorhin brach einen Karton auf und holte die Bedienanleitung heraus, in der nur stand, es handele sich um einen sogenannten Federring. Ich machte mir Hoffnung, indem ich ihn bat, mir das Teil doch kurz, hehe, nur mal ganz kurz, auszuleihen. Ich würde damit prompt abhauen und nie mehr wiederkommen, nein, ich würde zum Schalter gehen und der Frau das Ding zeigen, damit sie es bestellen kann. Das geht nicht, sagte er und machte mir eine Kopie des Teils und obendrein die Anleitung mit der Stelle, wo stand, dass es sich um einen Federring handelte, er nahm dafür die italienische Anleitung, was ich erst unten bemerkte.
Oh du verzweifelte, ich stapfte nach unten, hielt der Tante triumphierend meine Zettel vors Gesicht. Sie, unbeeindruckt, bemerkte die fehlende Artikelnummer und rief den Kollegen an. Jetzt hole ich noch einmal ganz kurz aus: Dieser Federring sorgt dafür, dass der Kaffeefilter nicht direkt auf dem Metall aufliegt, welches nur angebohrt, sonst verstopfen würde, wenn der Federring nicht für Abstand sorgt. Wenn der Filterträger gewechselt wird, kehrt man ihn zuoberst und hat üblicherweise einen Mülleimer darunter, in den der gebrauchte Filter hineinfällt, mit dem Federring, und dann ist das Teil weg. Und dann muss ich los und ein solches Teil bestellen. Ich will nicht wissen, wie oft so etwas passiert, wie viele solcher Teile man eigentlich braucht oder wie sich Kaffeemaschinenbesitzer behelfen. Jedenfalls hätte dieses Teil doch eine Artikelnummer verdient, oder nicht? Es handelt sich auch nicht um ein srilankesisches Fabrikat, sondern um die Hausmarke Rioba, in der dieser Federring stecken sollte, wenn er nicht im Mülleimer verschwunden wäre.
Oh du geduldige, sie bestellte mir das Teil, nachdem ich ihr zum sechsten Mal erklärt hatte, wie es heißt und wofür es da sei. Ich bestellte zwei von den Dingern und schwor eigens einen Zettel an die Maschine zu bappen, auf dem ich unter Androhung der Todesstrafe bemerkte, dass dieser beschissene Federring bitte wieder zurückgelegt wird, sollte er zufällig im Mülleimer landen. Ich ging zurück zu meinem Wagen, die Entenkeule wäre gar gewesen, wenn ich sie nicht vorsorglich in eine Box für Gefriergut getan hätte. Ich holte die restlichen Artikel, wollte meine Liste abstreichen, aber den Kugelschreiber hatte mir jemand geklaut. Scheiß drauf, nur ein Kunde vor mir an der Kasse. Nur Zigaretten, drei Kartons, 2941 Euro und 25 Cents. Er zählte gerade seine Zweieurostücke ab.
Oh du hysterische, bei 42 Euro hörte er auf, holte ein Bündel Fünfhunderter aus der Tasche und beglich den Rest. Bis auf die Enten, die natürlich, haha, natürlich keinen Barcode hatten, den man abscannen konnte und deshalb einzeln eingegeben werden mussten, lief alles ganz normal. Ich beruhigte mich wieder, und als ich endlich die Rechnung in den Händen hielt, rutschte mir doch glatt ein „Schöne Feiertage“, über die Lippen. Ich stieg ins Auto, fuhr zurück und packte aus. Davongekommen.
Dann fragte mich Rupan, ob ich denn beim Fleischer gewesen sei, ob mir Khedis, die srilankesische Küchenhilfe und Gelegenheitskoch, keine Nachricht hinterlassen hätte. Nein sagte ich, mein Blick sagte etwas anderes, etwas, was jeder versteht, in jeder Sprache, etwas internationales.
Der Letzte macht das Licht aus.

„Wir kommen wieder“, sagte Herr Putzig, nachdem wir den Kioskbesitzer um 30 Cent geprellt hatten. Wir hatten zweimal nach dem Preis gefragt und jedes Mal sagte uns der Mann 5,20 Euro, obwohl er eigentlich 5,50 Euro haben wollte. Als wir unser Kleingeld abgezählt hatten, und es auf den Tresen legten, holte der Mann einen Taschenrechner hervor und tippte 5,50 ein. Wir standen da und guckten uns an. Herr Putzig reagierte und holte einen Zehneuroschein heraus. Darauf ließ er uns ziehen, das war ihm jetzt zu blöd einen Schein auf 30 Cent zu wechseln.. Wir kommen wieder, schloss ich mich in Gedanken an, der Mann brummte nur.
Als ich wenig später die Tüte aufmachte und die 5 kleinen Biere daraus entfernte, bemerkte ich, dass ich statt 5 kleiner nur 4 kleine und ein großes Bier mitgenommen hatte. Vielleicht kommen wir besser nicht wieder.
Ich muss jetzt leider ganz weit ausholen, weil das sonst überhaupt keinen Sinn macht. Vor zwei Tagen war ich beim Zahnarzt bei einer Freundin. Wir haben zusammen in der Strandbar gearbeitet und sie hat mir meine höchstens mittelmäßig schlechten Zähne versucht, einigermaßen in Schuss zu halten; sehr kostengünstig für mich armen Studenten. Früher sagte ich ja immer, dass man genau drei Leute in der Familie bräuchte: einen KFZ-Mechaniker, einen Rechtsanwalt und einen Arzt. Scheiß auf den Arzt, Zahnarzt oder Zahnärztin ist viel besser.
Jedenfalls zog sie eine Spritze auf und stach mir ins Fleisch, dann ließ sie mich allein und kam wenig später wieder mit einer ganz frischen Azubine. Die Azubine sollte mir den Mund aufhalten. Mich störte das nicht, die Betäubung war so ausreichend dosiert worden, dass ich erst am Abend merkte, wie es nun mit der Topographie meiner Mundhöhle beschaffen ist. Wie gesagt, ich spürte nichts, aber meine Zahnärztin war nach der dritten oder vierten Berichtigung des Saugrüssels und dem anderen Ding, womit sie mir die Wange abhalten sollte, leicht angenervt. Sie musste dann ganz plötzlich kurz raus und als sie wiederkam, hatte sie eine ältere Kollegin dabei, mit Haaren auf den Zähnen, was Saugrüssel und andere Dinge in Mundhöhlen anbelangte. Meine Zahnärztin sagte mir dann, dass die Azubine noch ganz neu wäre und noch nicht genug Erfahrung hätte, ich fand es gut, dass sie sie trotzdem zuerst hat machen lassen.
Aber darauf wollte ich gar nicht hinaus, behalten Sie das im Hinterkopf. Denn als ich nur zwei Tage davor bei Trithemius im Wohnzimmer saß und wir zum x-ten Mal auf Pauli zu sprechen kamen, den Pauli, der Nobelpreisträger der Physik war und daran glaubte, dass sobald er einen Versuchsraum betritt, geht alles schief, redete ich natürlich auch von Jung, der das zusammen mit Pauli untersuchte und daraus sein Synchronizitätsproblem machte. Ich habe ja keine Ahnung von Psychologie und, wenn es das gibt, noch weniger von Ahnung von Physik, und obwohl ich den Namen Pauli jedes Mal wieder vergesse, sobald ich Trithemius wieder verlassen habe, kann ich aus dem Stand eine Erklärung liefern, wie das funktioniert mit der Synchronizität. Habe ich an dem Abend gemacht. Wollen Sie sie hören? Nein? Ist auch besser so. War wahrscheinlich totaler Blödsinn, ich habe mir noch nicht die Mühe gemacht, tatsächlich einmal nachzulesen, was das denn bedeutet, diese Synchronizität. Irgendwo las ich mal davon und den Rest habe ich mir dann selbst zurechtgelegt. Meine herbeigeklaubten Erklärungen finde ich immer viel besser.
Naja, manche finden die Erklärungen zwar auch interessant, haben jedoch im Gegensatz zu mir später die Muße, sich des Problems anzunehmen und einmal ausgiebig zu recherchieren. Dabei kommt meistens heraus, dass ich Blödsinn geredet habe in mindestens zwei von vier Fällen. Für diese Fälle haben mir Trithemius, Filipe d’Accord und Herr Putzig vor längerer Zeit eine Geburtstagskarte geschenkt, auf der Pangaea abgebildet ist, weil ich irgendwann einmal von Pangaea erzählte, und wie Trithemius sagte: als ob ich dabei gewesen war. Immer wenn ich jetzt irgendwas erzähle, drohen sie mir mit der Pangaeakarte, was ich dann beiseite wische und es trotzdem erzähle.
Aber das ist nicht der Punkt. Gestern kam eine Freundin meiner Frau, die gerade ihre Assistenzarztstelle in einer Klinik begonnen hatte, ich hörte nur mit einem Ohr zu, weil ich eigentlich damit beschäftigt war, unserem jüngsten Nachwuchs beim Einschlafen die Arme festzuhalten, damit er sich nicht bei seinen Flugversuchen den Nuckel aus dem Gesicht schlägt, und darüber fast selbst eingeschlafen wäre, aber ich hörte diesen Satz da. Es ging darum, dass sie 5 Stunden im OP stand und irgendwelche Haken hielt und ständig kam dieser Satz von der Oberschwester oder dem Arzt oder beiden, ich weiß es nicht mehr: „Betonen Sie die Spitze, Frau Sowieso!“
Und dann fiel mir zuerst die Azubine ein und dann dieser ganze andere Quatsch hier, und dann habe ich immer noch nicht nachgeguckt, ob das überhaupt Hand und Fuß hat, ob ich hier nicht gerade Jungs Synchronizität mit Schrödingers Katze zu erklären versuche. Verstehen Sie jetzt, was ich meine? Nein? Nicht schlimm. Nein, wirklich, das macht nichts, denken Sie sich einfach die Karte hier unten, halten Sie diese bitte kurz hoch und dann gehen Sie weiter.

Ich saß gerade in der Nordstadt vor dem Spandau und trank einen Kaffee, als eine alte Dame mit einem Rollköfferchen an mir vorbei fahren wollte. Sie hatte schrecklich dünne O-Beine und ich lächelte ihr aufmunternd zu. Sie lächelte nicht zurück, verlangsamte jedoch ihren Gang und bog ab, direkt auf mich zu.
„Heute sind schon wieder Mörder auf der Straße“, sagte sie und zeigte in Richtung Christuskirche.
„Was?“ ich hatte irgendwie nicht richtig verstanden, glaubte ich.
„Mörder. Heute Morgen gegen sechs Uhr war ich da, weil ich da wohne, an der Christuskirche.“
„Mörder?“
„Ja, heute Morgen, weil ich da wohne. Ein eins achtzig großer Arbeitsloser hat mich in den Arm gekniffen und festgehalten. Dann hat er ein Messer gezogen und es mir hier“, sie zeigte auf ihren dünnen Hals, „ hin gehalten.“
„Was?“
„Ja. Weil ich ja da wohne, an der Christuskirche. So, jetzt muss ich aber weiter, ins Krankenhaus, mein Mann liegt dort, er ist schwerkrank.“
„Oh, äh, na dann, äh gute Besserung“, stammelte ich. Mir fiel einfach nichts ein. Sie winkte mir noch kurz, dann drehte sich die Alte um und humpelte mit ihrem Rollkoffer weiter den E-Damm hinunter.
Sollten Sie demnächst einmal mit dem Fahrrad unterwegs sein, so in den frühen Morgenstunden etwa, auf einer wenig befahrenen Seitenstraße an einer Kreuzung stehend. Sollten Sie mit dem Smartphone unterwegs sein und es nicht wie vielleicht üblich in der Hosen- oder Jackentasche verstaut haben, sondern damit vor Ihrem Gesicht herumwedeln und dann unvermittelt auf der Kreuzung zum Stehen kommen, sagen Sie einfach „Hups“, bevor Sie in das nächstgelegene Fahrzeug einscheren, weil Sie einem Ihren Weg kreuzenden Fahrradfahrer die Möglichkeit nehmen, die Kreuzung zu überqueren, dies bemerken und panisch nach vorn fahren.
Oder besser noch: Sagen Sie „Hupsi“. Das verleiht der folgenden Situation mehr Komik als sich der vorüberfahrende Fahrradfahrer denken mochte, wenn er, des eigenen Rückspiegels verlustig, kurz hinter der Kreuzung anhält, um zu sehen, ob Sie an dem Auto Schaden genommen haben. Das Smartphone wird Ihnen dabei nicht herunterfallen, das halten Sie ja so fest umklammert, wie Sie eigentlich den Lenker hätten halten sollen, aber auch das gehört zur Komik. Entspannen Sie sich, atmen Sie tief durch, ordnen Sie das Geschehen, denken Sie an Radwege für Smartphone-Benutzer oder eine formschöne Smartphone-Halterung an Ihrer Lenkerstange aber grummeln Sie nicht vor sich hin, versuchen Sie nicht mit einer Hand Ihr Zweirad unter dem Auto hervorzuziehen und gucken dabei böse auf den anderen Radfahrer, denn das ist nicht mehr komisch, sondern lächerlich.