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Bei den Leisen Tönen. Manchmal braucht es einen Blog, um sich Luft zum Denken zu verschaffen. Keine Steckenpferde, Hobbies oder sonstiges Spezielles, nur Luft zum Denken.

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Alles nur Theater

Samstag, 6. Februar 2016

Zersplittert - GP und drumherum

Ich saß heute in einer GP, einer Generalprobe. Mein einziger Daseinszweck schien dieses Beisitzen gewesen zu sein, denn die Requisiten waren so spärlich gesät, man hätte sie an einer Hand abzählen können, wenn man sie denn gesehen hätte. Die meisten davon steckten nämlich in einem Bord in einem schlecht ausgeleuchteten Kubus. Eine Liste gab es nicht. Ich bin ja solche Listen gewöhnt und war deshalb lange auf der Suche nach einer, bis ich dann meinen Chef fragte, wo die Liste denn sei, und er mir sagte, es gäbe keine.

Überhaupt, meinem Chef begegnete ich auf dem Weg nach oben im Flur, wo er, mit einer Rasierklinge bewaffnet, gerade dabei war, die lackierten Beine eines Tisches vom Lack zu befreien, der am kommenden Tag zur Premiere den bisher benutzten Tisch auf der Bühne ablösen sollte. Er hatte einen blauen Kittel an, was ich bei ihm noch nie gesehen hatte, und wäre sein Kopf nicht so charakteristisch, ich wäre wohl an ihm vorbeigelaufen.

Statt der Liste fand ich oben auf der Bühne einen Kollegen, einen ehemaligen. Jetzt ist er nämlich als Bühnenbildassistent für dieses Stück tätig. Er sagte mir dann sogleich, dass die Fernbedienung funktionieren müsse und seit neuestem eine Colaflasche zu den Requisiten gehöre. Als ich dies kurz darauf meinem Chef erzählte, sagte dieser, dass er da nur mit dem Regieassistenten spreche, denn der Bühnenbildassistent hätte sich ja im Verlauf der Produktion auch sonst nicht darum gekümmert, da müsse dieser nicht kurz vor der Angst plötzlich damit anfangen.

Den Regisseur traf ich schon in der Kantine. Der guckt mich immer an, als wäre ich nur zum Betrachten da. Ist mir anfangs immer ein wenig unangenehm, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Vor ein paar Monaten saß ich einmal mit dem Intendanten allein im Raucherbereich, als er mich plötzlich zu fragen genötigt sah, was ich denn hier für eine Funktion hätte. Normalerweise lese ich ja irgendwo ganz still vor mich hin, um genau solchen Fragen keinen Halt zu bieten, aber dieses eine Mal musste ich wohl kein Buch dabei gehabt haben. Jedenfalls sagte ich ihm, dass ich seit mehr als drei Jahren in der Requisite arbeite, hihi.

Den Regieassistenten sah ich erst oben auf der Bühne. Gestriegelt und geschniegelt wie immer, geschäftig, popäftig, wie das halt so ist vor einer Premiere. Ich harrte aus, suchte mir einen Platz ganz weit oben, ganz rechts, also bühnenlinks. Von dort sah ich auf einen Monitor und musste sofort an eines dieser mittlerweile geflügelten Worte denken, dass nämlich kaum noch eine Vorstellung ohne Videoinstallation auskäme. Unter Fachgimpeln, Fachsimplern und Wichtigtuern ist das ja ein beliebter Einleitungssatz, wenn plötzlich das Gespräch auf Theater kommt. Jedenfalls hatte der Klischeebeauftragte dieser Produktion ganze Arbeit geleistet: zwei Monitore, ein Kubus, von dem zwei Wände als Projektionsfläche dienen konnten und mussten sowie der hinteren Wand, die ebenfalls als Projektionsfläche herhalten musste.

Das Stück selbst war mir zu harter Tobak. Grandios gelöst, dieser Kubus, die Videoinstallationen, die Schauspieler, das stimmte alles. Nur der Stoff. Vier Personen, vom hochrangigen französischen Manager über einen Teammanager in einem Callcenter in Dakar über eine Ingenieurin in Bukarest hin zu einer ausgebeuteten Frau in den Tiefen einer Shanghaier Produktionskette. Es ging um Überstunden, um schlechte bis schlechteste Arbeitsbedingungen, um Ausbeutung, um menschenunwürdigen Umgang, um all das Schlechte, von dem man sich sicher sein kann, dass dies keine Übertreibung, Überzeichnung mehr ist, sondern es ist real! Es passiert jeden Tag! Überall! Absolut erdrückend, wie das alles mit einander in Verbindung steht. Diese Szenenwechsel, dieses wirklich gute, intensive Spiel, Hammer! Kurz vor Stückende wünschte ich mir, dass es endlich vorbei sein möge, und dann war es vorbei. Dieser Alptraum!

Dafür würde ich nicht ins Theater gehen. Bitte gerne, wer‘s mag? Ich nicht. Ich habe auch so schon viel zu oft schlechte Laune. Wahrscheinlich hatte mein Chef auch schlechte Laune, weil er diesen Tisch abschleifen musste. Nach der GP hatten wir alle schlechte Laune. Und als ich dann den Regisseur wieder im Raucherbereich traf, und er sich mit einer Kollegin unterhielt, die sich jetzt eigentlich mit einem wirklich alten Freund treffen wollte, den sie nur heute und nur hier, da sagte er, ob sie denn kein Interesse an der Arbeit hätte, ob ihr das jetzt nicht wichtig wäre. Sie hätte keine Telefonnummer von ihrem alten Freund und würde nur kurz zum Bahnhof, dann käme sie zurück. Ja, das wäre gut, sagte er, und dann sagte er ihr, wie fürchterlich ihn doch dieser Tisch stören würde, und ob es nicht besser ohne ihn sei, da wusste ich, dass ich noch Glück hatte, indem ich nur das Stück sehen musste.

Der Bühnenbildassistent schob mir am Ende des Stückes noch eine Liste zu, auf der alle Requisiten verzeichnet wären, die ihm so eingefallen sind, die könne ich ja meinem, seinem ehemaligen Chef zukommen lassen. Meinem Chef! Requisiteur, Meister, alleinverantwortlich auf unserer Bühne! Eine Liste, hihi. Ja, ja, sagte ich und faltete die Liste ganz klein, so dass sie in meine Hemdtasche passte, wo sie noch immer sitzt. Mich kennt ja hier keiner, da kann man auch schon mal so eine Liste verschlampen.

Samstag, 23. Januar 2016

WYSIWYG

Samstag, 21. November 2015

Trottel

Am gestrigen Tag war ich seit längerem wieder einmal im Theater gewesen, um zu arbeiten. Es lief die GP, also Generalprobe, eines Stückes, dass ich mir auch gern angeschaut hätte. Leider bin ich ein wenig verschnupft und verhustet, was ich den wenigen Zuschauern bei so einer GP nicht antun wollte.

Ein sehr schönes, ordentliches Bühnenbild, übersichtlich. Nicht zu viel zu tun. Eher weniger. Ein paar Limetten schneiden, einen abgeschnittenen Kopf (Attrappe) in einen Karton tun, zukleben und Postsachen drauf. Ein paar Gläser, Flaschen, keine Ascher! Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Stück betreut habe, in dem kein Ascher vorkam. Wahrscheinlich ist das gar nicht so lange her, aber momentan fällt mir keins ein.

Die Gläser haben ein paar witzige Beleuchtungssachen unter dem Glasboden. Ein aus vier oder fünf kleinen LEDs bestehendes Blinkeset, was per Knopfdruck aktiviert wird und den darüber im Glas befindlichen Drink schön anstrahlt.

Am Ende der Vorstellung schnappe ich mir den Eimer mit den Sachen zum Abwaschen, darin natürlich auch die vier Gläser mit den doppelten Böden. Ich bringe alles runter und stelle es auf die Küchenarbeitsplatte. Dann lasse ich Wasser ein. Der doppelte Boden mit den Lampen darin lässt sich ganz einfach herausdrehen. Ich stelle die vier Böden vorsichtig etwas abseits und tauche die Gläser ins Wasser.

Ich könnte meinem Chef, der oben wartet, ja so etwas erzählen wie: „Sag mal, sind die überhaupt wasserdicht, diese Böden?“, oder: „Hm, irgendwie funktionieren die Lichter nicht mehr, seit ich die Gläser abgewaschen habe.“ Ich muss grinsen und trockne die Gläser ab.

Dann nehme ich die Gläser und will sie wieder mit dem Boden verschrauben. Da steht Wasser drin, das mir beim Querhalten der Elemente auf die Schuhe tropft. Aber ich habe doch, denke ich, und stelle alles wieder ab. In allen vier Böden steht das Wasser. Ich hole die Platinen, die nur aufgesetzt sind heraus, trockne alles gründlich ab. Die kleinen Zellen haben bereits Rost angesetzt, die Schlieren verteile ich auf dem Handtuch. Ich puste hinein, schüttle die Dinger. Panik steigt in mir hoch, zu Recht, zwei von vier Böden funktionieren nicht mehr.

Wie soll ich das erklären? Morgen ist Premiere und ich habe erst einmal zwei Leuchtböden geschrottet. Dabei habe ich doch, denke ich, und puste verzweifelt auf die Platine mit den LEDs. Das kann doch nicht wahr sein.

Als ich alles wieder eingesammelt habe, verlasse ich die Küche und mache mich auf den Weg zurück zur Bühne. Ich nehme den Fahrstuhl, obwohl es nur zwei Stockwerke sind. Ich überlege mir einen ersten Satz: „Ich schwöre, ich habe die Dinger vorher abgeschraubt“, denke ich. Es klingt erbärmlich.

Oben angekommen reihe ich die Requisiten auf und sage meinen Satz, also den letzten. Mein Chef guckt nur kurz und winkt ab. Sind wohl genug da und das erste Mal ist das wohl auch nicht passiert. Er will gar nicht wissen, was passiert ist. Ich beruhige mich wieder, fühle mich trotzdem wie ein Trottel.

Dienstag, 30. Juni 2015

Kein Kaspar Häuser mehr



Spielzeit ist vorbei. Amtlich ist das noch nicht, weil ja die Theaterformen dieses Jahr in Hannover stattfinden, aber irgendwie läuft das ja nicht unter dem Label, dem ich unterstellt bin. Früher, ja früher, da sind wir mit den Flamen im Georgengarten gewesen und haben in zauberhafter Zusammenarbeit eine Sitzgelegenheit für die Zuschauer gebaut, ohne auch nur jemals gesehen zu haben, wie so etwas geht. Wir standen nur in einer Reihe, nahmen uns ein Bauteil, wenn wir dran waren und brachten es an die richtige Stelle. Dann stand die Tribüne plötzlich und es gab belgisches Bier, bis wir flämisch sprachen.

Ich habe noch zwei Termine bei den Theaterformen, allerdings nicht außerhäusig, sondern an der Bühne, wo ich immer bin. Aber die Spielzeit ist trotzdem vorbei. Gestern war die letzte Vorstellung. Die letzte Vorstellung sogar im doppelten Sinne, denn das Stück, das gespielt wurde, hatte Dernière. Nach der Vorstellung sollte der Krempel entsorgt und das noch Brauchbare verpackt werden, um es eventuellen späteren Verwertern schmackhaft zu machen.

Ich habe dieses Stück gehasst. 200 Schnellhefter, mit Erde besudelt aus einem Dreckhaufen heraus zu sortieren, daneben etliche von diesen kleinen Notizzetteln, die immer dazu benutzt werden, um eine Sprache zu lernen, wo vorn die Vokabel und hinten die Lösung draufsteht, nur standen hier keine Vokabeln drauf. Die lagen dazwischen und mussten natürlich ebenfalls aufbereitet werden für die nächste Vorstellung. Zwei Kartons Aktenmüll, ausgeleert vor einem Regal, gefüllt mit schweren Aktenordnern und Hängeregistern, dazu jede Menge Kleinkram wie Äpfel, Puppenbeine, Ascher, Zigaretten, mit Wasser gefüllte Wodkaflaschen.

Und geliebt habe ich das Stück auch. Ich habe das Stück von der Generalprobe an immer wieder auf- und abgebaut. Jedes Mal entdeckte ich eine andere liebevoll eingearbeitete Kleinigkeit. Gestern erst las ich auf einem Deckel dieser Schnellhefter „Lasset die Kinderlein zu mir kommen“. Da gab es diese Wand mit lauter Zeitungartikeln zu misshandelten Kindern, die ich wahllos an die Seite des Aktenschrankes zu kleben hatte. Unter den Aufklebern befand sich auch ein Sonderangebot für Kaffee, den ich natürlich ebenfalls dort hin klebte. Dann die drei Schauspielerinnen, die fast vor jeder Vorstellung Lampenfieber hatten. Wir mussten ihnen die Türen aufhalten zu Beginn, damit zwei von ihnen, auf einem Hubwagen stehend und Tee trinkend, von der dritten hineingezogen wurden.

„Ich und Schauspielern…“, so fing sie an und zog den Hubwagen auf die Bühne, während ich innerlich fluchend den Hebel für die zweite Flügeltür zu ertasten versuchte. Ich fand ihn nie, ohne nicht den Kopf in den Zuschauerraum zu schwenken.

Ich saß nach zehn Minuten laufender Vorstellung immer noch oben, um einer der drei Schauspielerinnen die Tüten mit den Zetteln anzureichen und ihr danach erneut die Tür aufzuhalten. Dabei schwatzten wir immer ein wenig über das Publikum oder das Wetter oder über ein Buch, das ich gerade las. Vor der letzten Vorstellung sagte mein Chef, dass früher immer irgendwo Konfetti versteckt wurde, wenn die Dernière anlief. Ich sagte, das machen wir. Er sagte, das macht heute keiner mehr und holte einen Sack Konfetti hoch. Die Tüten, die ich anreichen sollte, bekamen zusätzlich zu den Notizzetteln alle eine Sonderfüllung.

Es war ein beeindruckendes Bild, wenn alles an seinem Platz stand, jedes Mal. Die Ordner, das Patinagrün auf den Schränken, den Europaletten. Dieses Büro vom Jugendamt. Diese verranzte Kaffeemaschine auf dem Hubwagen nebst den Tassen, der Schokolade und den Gummibären, dem Studentenfutter und den Apfelringen, die wir fast nie austauschten, weil niemand sie anrührte. Die Schokolade aßen wir nach der Vorstellung auf, die Gummitiere auch. Den Kaffee, den wir zu jeder Vorstellung kochten, trank niemand, war besser so.

Für mich war das eins der schönsten Bühnenbilder, die ich im Theater gesehen habe. Und gestern haben wir es vernichtet. Wir stopften die Akten in einen riesigen Papiercontainer, die Zettel dazu, den Inhalt der Hängeregistermappen und den riesigen Berg aus Aktenmüll. Der Container war am Ende voll. Es dauerte wegen diverser Verzögerungen ewig, bis wir mit allem fertig waren, worüber ich gestern noch verärgert war und heute lächeln kann. Schon schade, wie Theater funktioniert.

Mittwoch, 15. April 2015

Gelegenheiten V

Ich wollte mir die ganze Zeit schon ein Theaterstück ansehen, von dem ich viel halte, obwohl ich es gar nicht kenne. Kennen ist eigentlich nicht das richtige Wort, wenn man regelmäßig die Requisiten einrichtet, die von Stühlen auf drei Etagen über Pauken und einem mehrmetrigen Notenblatt, das quer über einem Flügel liegt, bis hin zu drei langsam vor sich hin schmelzenden Eisblöcken, die durch ihr stetes Tropfen die Pauken zum Klingen bringen, reichen. Von den Kleinigkeiten, die immer wieder verschwinden, will ich hier gar nicht reden, oder doch: es fehlen regelmäßig ein angespitzter Bleistift, wahlweise einer von vier Fotoapparaten oder ein Megaphon, von dem schweren Eisengewicht, das wahrscheinlich aus einem alten Aufzug stammt und nur dazu da ist, ein Pedal des Klaviers zu beschweren, kann ich jetzt, wo ich einmal damit angefangen habe, auch nicht schweigen – wo das schon überall gesucht wurde.

Das Stück spielt in einem Treppenhaus, genauer in der Cumberlandschen Galerie, dort wird es gespielt, wenngleich das Treppenhaus natürlich nicht zum Stück gehört, sondern lediglich die Spielstätte darstellt, was auch nicht ganz richtig ist – ich kann heute einfach nichts richtig machen. Es scheint, als wäre das Treppenhaus dem Stück auf den Leib geschrieben – sehen Sie? Das meine ich, vielmehr meinte ich nicht, denn es muss natürlich anders herum lauten. Aber eigentlich ist es ja gar kein Bühnenstück, es ist eine Art Prosa, die zu einem Theaterstück umgebaut – sagt man das so? Bestimmt nicht – wurde.

Atlas der abgelegenen Inseln. Judith Schalansky. Der Hals der Giraffe ist ebenfalls ins Theaterprogramm gerutscht und spielt natürlich ebenfalls im Treppenhaus. Sie sollten sich übrigens dieses Treppenhaus nicht vorstellen als Treppenhaus als solches vorstellen – mindestens zwei dieser eben geschriebenen Dinge könnte ich weglassen aber wenn man zwischendurch gerufen wird, braucht man manchmal eine kleine Schleife, um wieder hineinzukommen in den Text – apropos Text: ich schrieb schon einmal von dem Stück, hier, es ist also schon wieder eine Dopplung – und eine Richtigstellung, denn das Lied, das mir so gefiel hieß gar nicht: „Dein Gesicht hab‘ ich vergessen, deine Füße aber nicht“, sondern „Deinen Namen hab‘ ich vergessen…“ – stellen Sie es sich stattdessen als ziemlich abgerockte Version eines Treppenhauses in einem mindestens königlichen Stadtpalast vor, wahlweise können Sie es natürlich auch googeln und sich darüber ein viel besseres Bild machen, oder Sie glauben mir, wenn ich Ihnen sage, dass es keinen besseren Ort gibt, um Theater zu spielen.

Und dieses Stück soll nun nach Berlin, in die Hauptstadt, weil es eingeladen wurde zu den Berliner Festspielen. Das ist natürlich toll einerseits, anderseits ist das nicht so schön – Berlin hat zwar jede Menge Treppenhäuser aber keins davon hat auch nur annähernd den Charme der Cumberlandschen Galerie. Weil das Stück nun aber dort gespielt werden soll, braucht es ein Treppenhaus, muss der Regisseur die letzten drei Vorstellungen in Hannover besuchen, um alles noch einmal umzuwerfen und neu zu interpretieren – inszenieren? Der ist Schweizer, Gotzeidank, könnte man sagen, denn wenn er aus Tokio käme, dann… naja, wie dem auch sei. Jedenfalls spielt das Stück in Berlin in einer Schule, im Carl-von-Ossietzky-Gymnasium. Das wollte ich alles gar nicht schreiben. Ich wollte doch nur kurz erwähnen, dass der Regisseur noch einmal da war, dieser Schweizer – ach, schauen Sie es sich an, wenn Sie da sind, da wohnen, da zur Schule gehen – apropos Schule: die wird dort tagsüber ganz normal frequentiert und ich wette mit Ihnen, nicht eine Schülerin oder Schüler wird sich das Stück anschauen, stattdessen sehen Sie da wilde Frisuren in schwarz gekleidet, allenfalls ein leuchtend roter Schal, die Fransen schwimmen im Champagnerglas und mit spitzer Nase zustimmend nickend, obwohl sie gar nicht zugehört haben, weil sie eigentlich lieber dort drüben wären, beim Regisseur, dem Schweizer, der lauten Gruppe, die sich gerade den Eisblock vornimmt und ihn für echt erklärt – weil ich das Stück nun nicht mehr sehen kann, weil die Vorstellungen vor dem Gastspiel, von denen ich zwei bearbeite, ausverkauft sind, restlos. Ich kann mich da nicht einfach hinsetzen, irgendwo, und so tun als ob.

Mittwoch, 11. Februar 2015

Blut, Kotze, Scheiße

Genauer gesagt handelte es sich um Theaterblut, Haferflockenschleim und Schokopudding. Ersteres ist eine bekannte Requisite. Man mischt, je nach gewünschter Konsistenz, mit Wasser, um es dann ordentlich spritzen zu lassen, zum Beispiel auf einen Haufen geschredderter Akten, die in roten Müllsäcken, umgeben von grünen Platikspellets zum Auffüllen großer Pakete, in einem Raum unter der Bühne vor sich hin gammeln.

Haferflockenschleim ist ein Gemisch aus Haferflocken und ebenfalls Wasser, das zu einer breiigen Konsistenz verrührt wird. Dann stopft man sich das Zeug in den Mund und versprüht es mit einem gezielten Auswurf auf die betreffende Stelle. Den Schokopudding muss man anrühren. Dazu nehme man am besten ca. 1/5 weniger Flüssigkeit als auf der Verpackung des Herstellers angegeben ist, damit das Zeug ordentlich fest ist. Sollte es sich außerdem auch noch um ein Theaterstück handeln, bei dem die Schauspieler zufällig Kleidung tragen, so was soll ja vorkommen, empfiehlt es sich, keine Milch zu nehmen, sondern Wasser, dann bekommt man die Kleidung wieder sauber. Den Zucker lässt man übrigens weg, Scheiße schmeckt ja auch nicht.

Die Bühne nach dem Stück von all diesen Dingen zu säubern, bedeutet ein klein wenig Aufwand. Um den kümmern sich die Regisseure und ihre Assistenten in den seltensten Fällen. Klar, es wurde irgendwann einmal besprochen, dass es da eine Reinigungsfirma gibt, die solche Dinge dann nach jeder Vorstellung direkt in Angriff nimmt, damit die Sachen nicht antrocknen. Aber zu Zeiten der Proben kümmert sich da keiner drum. Besonders nett ist das, wenn der Bühnenboden mit einem grauen Filz bedeckt ist. Dann kommen wir ins Spiel, die Requisite.

Einfach toll, wie ihr das gemacht habt, ihr seid meine Helden, nee, echt super, hören wir sie sagen. Wie wir das wieder gemacht haben, wie die Tatortreiniger, haha. Achja Tatort, gestern war Dietmar Bär bei uns im Haus, ich habe ihn anfangs gar nicht erkannt, weil er so schnoddrig gekleidet war, also in Zivil. Wenn man jemanden nur mit Anzug sieht, kommt einem das immer komisch vor, dann sieht der Dreitagebart, egal wie gut in Schuss, einfach schlampig aus, die Frisur, durch die zuvor getragene Mütze leicht entstellt, wirkt dann ungepflegt und die Klamotten sehen aus, wie gestern auch schon angehabt. Dann könnte man leicht enttäuscht sein, ich fand das gut.

Weniger gut fand ich seine Gesprächspartnerin. Eine Regisseurin, die mich einmal aus einer Generalprobe hinauskomplimentieren ließ, von ihrem damaligen Assistenten. Es hieß sinngemäß, hier dürfe nur zusehen, wer auch etwas zum Stück beitragen müsse. Die Requisite trägt ja nix bei, die trägt nachher nur weg. Ich habe mir das gefallen lassen und bin schulterzuckend gegangen, es war sowieso ein echt ekelhaftes Stück (Blut war auch dabei).

Mittwoch, 24. September 2014

Sex

Ich saß gestern kurz im Büro der Requisite bei den Damen, die für die große Bühne zuständig waren. Es ging um Fitnessstudios.
„Im Fitnessstudio, hör mal, da drehen sich Gespräche nur um zwei Themen. Entweder reden die von Essen oder von Sex.
„Aha“, sagt die andere.
„Und neulich, ich bin gerade am Trainieren, da kommt eine riesige Wolke bei mir an: Dönergeruch, weil im Erdgeschoss ein Dönerladen ist und das Fenster geöffnet war. Ich hatte vielleicht einen Knast in dem Moment…“
Nach einer kleinen Pause redet sie weiter: „Mein Trainer sagt ja immer, man brauche nur lange genug drüber reden, dann vergeht der größte Hunger.“
Aha, denke ich.

Dienstag, 23. September 2014

Dein Gesicht hab´ ich vergessen, deine Füße aber nicht

Heute wird ein so arbeitsreicher Tag, dass ich am liebsten wieder zurück ins Bett kriechen möchte. Dienstage sind immer schon blöd gewesen, wenn aber die neue Spielzeit eingeläutet wurde, können Dienstage noch schlimmer sein als sowieso schon. Denn da, also ins Theater, muss ich heute Abend auch noch hin, nachdem ich vorher für die Bar einkaufen fahren werde.

Am Sonntag war ich zum ersten Mal wieder im Theater arbeiten. Und gleich zu einer Premiere. Ich hasse ja dieses „über die Schulter spucken“, vor allem, weil ich bis auf den einen Premierenabend überhaupt nichts mit der Produktion vorher am Hut hatte. Ich kannte das Stück von einem Plakat auf der Limmer, sonst nicht. Im Treppenhaus spielt das Ganze, über drei Ebenen. Ich weiß noch immer nicht, wie das funktionieren soll, wenn die Zuschauer immer auf einer Ebene sitzen bleiben, aber vielleicht muss man sich das Stück einfach dreimal anschauen, um alles zu sehen. Das wäre ja mal eine interessante Variante, um die Zuschauerreihen voll zu bekommen.

Ich kann mir das Stück leider nicht ansehen, und werde dies wohl auch in Zukunft nicht, weil ich kurz vor Beginn über eine kleine Treppe einen Eimer, mit heißem Wasser gefüllt und bei Einsatz der ersten Töne auf der Bühne mit Trockeneis aufgepeppt, hinter der Gittertür in Zuschauernähe platzieren muss. Das brodelt und kocht vielleicht in dem Eimer. Und dabei ist das Treppenhaus sowieso schon in weißen Nebel gehüllt.

Naja, nach etwas mehr als der Hälfte des Stückes sitze ich in der Kantine und lese mein Buch. Da kommt plötzlich der Regisseur herein, dreht sich nervös eine Zigarette und verschwindet im Raucherabteil hinter einer Kunstpalme. Dann kommen die Schauspieler hinterdrein, sie laufen singend durch die Kantine – sie müssen für einen Positionswechsel hier durch. "Dein Gesicht hab´ich vergessen, deine Füße aber nicht" trällern sie kichernd. Ich freue mich, ich finde das Lied so schön, dass ich es seit ich es zum ersten Mal hörte die ganze Zeit vor mich hin summe.

Niemandem fällt der Regisseur auf. Als er wieder herauskommt, sagt er, er musste sich kurz verstecken, die Schauspieler sollten nicht sehen, dass er die Premiere verlassen hat. Wieso er die Premiere denn verlassen hätte, ob es schlecht laufe, frage ich. Ja, der Anfang sei ziemlich holprig gewesen, antwortet er. Premieren könne er aber grundsätzlich nicht gucken, also die eigenen, dann verschwindet er in Richtung Tresen und murmelt was von einem Bier, was er noch trinken könne vor Stückende.

Ich musste noch warten mit dem Bier, aber zum Feierabend bekam ich dann eins von der Technik, die hatten sich einen Kasten gesichert und saßen quatschend und biertrinkend im Büro. Ich trank ein Bier mit, bekam noch eins für den Weg und ging nach Hause.

Dienstag, 6. Mai 2014

Messer auf Treppe

Achja. Ich fange an, meinen Job nicht mehr zu mögen. Ich mochte noch nie einen Job, aber ich brauchte bislang immer einen und die, die da waren, waren meist gut genug. Nur verhält es sich mit einem Job, den man eine Weile gemacht hat, meistens so, dass er irgendwie langweilig wird, vorhersehbar und wenn dann doch etwas Unvorhergesehenes passiert, mag man plötzlich nicht mehr, weil die ganze Verschwörung nur dazu da war, dass mir der Job verleidet werden sollte.

Das Vorhersehbare war, dass ein Theaterstück, das in einem Treppenhaus spielt, bei genügend fortschreitender Jahreszeit in die späteren Abendstunden verlegt werden muss, wenn es denn, wie sonst auch, dunkel sein soll. Das änderte aus mir unerfindlichen Gründen aber erst einmal nichts am Beginn meiner Schicht. Das Stück ist aufwändig. Ich muss zwei Kartons basteln, manchmal sogar drei, ich muss so komplizierte Dinge wie ein Klappbett auf drei Rollen – die vierte ist weg – quer durch die Damengarderobe schleifen, Ascher gefüllt mit Sand mit Wasser aufgießen und Tetrapacks mit O-Saft leermachen, um sie danach mit Wasser zu befüllen. Manchmal trinke ich 600 ml O-Saft, nur so aus Trotz, weil ich sie nicht wegkippen mag. Jedenfalls ist das Stück noch nicht zu Ende, weil der Tag länger ist und die Nacht kürzer.

Das Unvorhersehbare ist, dass ich neben dem ganzen kruden Kram auch noch drei Schlingen aus gelbem, aus amerikanischen Gangsterfilmen bekanntem Absperrband an die höchste Galerie zu hängen habe, die dann am Stückende herunterbaumeln und zwei Schauspielern als Galgen dienen. In meinem eigenen Programmheft steht, dass diese Schlaufen eine bestimmte Länge zu haben haben. Habe ich auch so aufgehängt. Nach Anweisung. Ist ja nicht die erste, sondern schon die 35. oder 100. Vorstellung, weiß ich nicht mehr so genau. Und dann stehe ich im letzten Drittel der Treppe und einer der Schauspieler, die sich darin erhängen am Ende, dreht mir den Rücken zu und nuschelt zu seinem Kollegen etwas von der Unfähigkeit, eine Schlaufe in der richtigen Länge aufzuhängen.

Ich stelle mir ganz oft vor, dass die Leute um mich herum gerade einen Text für eine Rolle einsprechen, das hilft enorm, den ganzen Quatsch zu ertragen, sogar außerhalb des Theaters. Neulich habe ich einen befreundeten Arzt verwundert, weil ich zu einem offensichtlichen Arschloch Patient gesagt habe, vielleicht sollte ich da eine andere Bezeichnung benutzen. Ansonsten bleibe ich bei so etwas aber ganz ruhig und wenn es peinlich zu werden droht, breche ich das Ganze ab, indem ich plötzlich einen Hustenanfall bekomme, oder mir fällt ein Klappmesser auf die lauthallende Steintreppe. Jedenfalls habe ich seit Menschengedenken diese Scheißschlaufen immer gleich hingehängt. Ich habe mir nicht einmal die Mühe gemacht, sie abzumessen, denn einen Unterschied von 15 cm kann ich tatsächlich mit meinen Augen erkennen und die längere von beiden an den richtigen Platz hängen. Ich habe nämlich erst ein einziges Mal neue Schlaufen angefertigt und sonst immer die gleichen Schlaufen der letzten, der vorletzten und der vorvorletzten Vorstellung benutzt. Deshalb ist diese Scheißrolle von Absperrband auch immer noch so dick, dass sie mir niemals aus der Tasche fallen könnte, weil sie nämlich zu groß ist, um da überhaupt reinzupassen.

Das Ende vom Lied war, dass ich die Schlaufen anders herum aufgehängt habe. Ich wünschte dem Anderen eine schöne Vorstellung, der Eine mit dem Schlaufenproblem war da schon abgegangen. Ich habe in meinem Programmheft vermerkt, dass die Scheißschlaufen jetzt anders herum zu hängen haben.

Dienstag, 25. März 2014

Wenn die Wand seufzt

Seit einer Stunde schon kann ich mich nicht entspannen. Es gibt in dem Stück, welches ich heute Abend betreue, einen kleinen Umbau. In einem konstruierten Nebenraum, der von der Hauptbühne abgezweigt wurde, muss ich ein paar Dinge abräumen und stattdessen zwei Gläser Cola abstellen. In den Raum hinein gibt es eine Videoübertragung. Es gibt ja heutzutage kein Stück mehr, das ohne irgendwelche Übertragungstechnik auskommt. Irgendwo flimmert immer ein Monitor, ein Fernseher oder eine Leinwand. Ich stelle mir vor, wie ich in dem abgedunkelten Raum herumstehe und nach den Dingen suche, die im Dunkeln verborgen sind, während vorn auf dem Fernseher ein Schemen übertragen wird.

Da kommt plötzlich Licht hinein durch einen Spalt, dann ist es wieder dunkel, das Gewusel beginnt. Dann geht wieder Licht an, ich verlasse den Raum erneut. Dann komme ich wieder rein, weil ich noch etwas vergessen habe. Ein Schild, das regelmäßig herabfällt, weil es nur über eine Art Gummiknetmasse an der Wand befestigt ist, muss noch abgenommen werden. Das Zeug klebt nun so heftig an der Wand, dass ich das Mikro umreiße beim Versuch es zu lösen. Es poltert gegen eine der Ständerwände, kippt nach links gegen den schwarzen Molton und liegt teilweise auf der Bühne. Vorsichtig gehe ich um den Tisch in der Mitte und ziehe sacht am Gerät. Der Molton löst sich und landet auf dem Boden. Mich kann man nicht sehen, weil die Technik endlich den Monitor ausgeschaltet hat und der Eingang seitlich zum Publikum angebracht wurde. Ich ziehe also weiter an dem verkackten Ding, es hakt, es poltert, die Kamera ist abgefallen. Jetzt kann man mich garantiert nicht mehr sehen.

Auf der Bühne nimmt niemand Notiz von mir, alles schreit durcheinander, die Zuschauer sind abgelenkt und ich stehe in all der Unordnung in diesem kleinen Raum, den ich gerade gehörig demoliert habe. Ich stelle den Mikrofonständer wieder auf, klebe den Molton, der einen Klettverschluss hat, wieder an seine Position, tue so als ob ich die Kamera ebenfalls wieder hinstelle und will gerade den Raum verlassen, als mir das Schild wieder einfällt. Es liegt mit dem Rücken auf dem Tisch, neben den vollen Colagläsern. Es klebt heftig. Ich reiße den Tisch um, den Mirkofonständer, die Kamera, die Gläser und den Molton. Schlimmer kommt es nicht mehr, denke ich dem Moment, als sich die Ständerwand löst und mit einem zarten Lufthauch und ohne jedes Geräusch der Länge nach auf den Boden fallen wird. Kulissenwände, wenn sie groß und glatt sind und wenn sie auf einen ebenen Boden fallen, machen fast keine Geräusche, vielleicht ein kurzes Wusch wegen der entweichenden Luft, mehr aber nicht. Sie wirbeln nur ordentlich Staub auf.

Ich nehme mir das Schild und lasse alles so, wie es gerade ist. Als die Wand ihren Seufzer tut, habe ich den Raum, der jetzt kein Raum mehr ist, längst verlassen. Hier draußen ist niemand, der mich gesehen hat, auf der Übertragung konnte man mich nicht erkennen und jetzt ist die Kamera sowieso kaputt. Als ich heute Nachmittag ankam, feixten gerade ein paar Schauspieler in der Kantine, sie würden sich ins Publikum setzen und lauthals herum krakelen, das Stück stören mit Nazirufen, „an den Galgen, alle!“, „Ihr seid alle Faschisten“ riefen sie und lachten und grölten. Ihnen könnte ich alles in die Schuhe schieben, denn ich sitze ja hier im Büro der Requisite und schreibe diesen Text.

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