Ich: Schau mal, jetzt hat die Kommissarin doch zwei Tage hintereinander das Gleiche an.
Sie: Nein, das stimmt nicht, da lag noch ein Tag dazwischen, der Król hat zwischendurch zweimal in seinem Büro geschlafen und das Hemd gewechselt.
Ich: Echt? Naja, trotzdem. Dann hat sie eben am dritten Tag die Klamotten von Vorgestern an. Jetzt sparen sie nicht nur am Drehbuch, sondern auch an den Klamotten.
Sie: Das stimmt auch nicht, die Hose und die Jacke ist zwar die Gleiche aber das T-Shirt ist ein ganz anderes. Bei dem anderen war der Ausschnitt viel größer und es hatte gelbe Streifen, glaube ich.
Ich: Achja? Na gut, das Drehbuch ist trotzdem Scheiße!
Gerade hatte ich mich von einem Unglück erholt, da stürzte das nächste über mich herein: diesmal in Form eines Stück Zahns, das sich zwischen ein paar Chipskrümel mischte und mir das Kauen erschwerte. Ich rief also bei meiner Zahnärztin an und machte in den folgenden Tagen einen Termin zur Rettung des Rests.
Doch wer zur Hölle ist Ambrose? Ambrose Bierce ist ein ziemlich zynischer Autor des 19. Jahrhunderts, der, als es an der Zeit war, das Weite suchte und seitdem entweder tot oder lebendig in den Köpfen der Leute herumspukt. Ich bevorzuge die tote Variante aber so richtig weiß das niemand und bei dem morbiden Zeug, was der so schreibt, ist alles möglich.
Ambrose begleitete mich also in der Straßenbahn in Richtung Zahnarztpraxis. Wer schon einmal von der These gehört hat, dass Ereignisse größter Agonie in ihrer Dauer auf Jahre gestreckt werden können, obwohl sie eigentlich nur Sekunden andauern, der findet einen schlüssigen Beweis dafür in der Geschichte "Die Brücke über den Eulenfluß". Sie handelt von solch einem Moment: Der Todgeweihte auf der Brücke wird zwischen die Planken der Eisenbahnbrücke gestoßen, die Schlinge um seinen Hals zieht sich zu, in der Vorstellung das Seil risse, fällt er in den reißenden Fluß, bekommt einen Haufen Kugeln um die Ohren, die seine Henker ihm hinterherschicken, er taucht durch die finstere Brühe, dann folgen Kanonenschläge, die rettende Flußbiegung erscheint, unser Held verschwindet dahinter, er taucht aus dem Wasser und beginnt zu rennen, er läuft wie in Trance nach Hause, erscheint nach langer Reise am Torweg seiner Farm, seine Frau wartet an der Haustür auf ihn, er läuft auf sie zu und knack! das Genick bricht, der Gehängte ist tot.
Was für eine Geschichte! Und ich bin auf dem Weg zum Zahnarzt. Auf so eine Lektüre kann nur ich kommen.
Ich steige also aus in Erwartung von Höllenqualen und was müssen meine Augen sehen, als ich in Richtung Ärztehaus einbiege? Daneben steht eine Kneipe mit sehr unpassendem Namen. Na klar, die Kneipe heißt Dolores Treff.
Im Wartezimmer habe ich noch Zeit zum Lesen aber keine Lust mehr. So harre ich der Dinge, die da kommen. Ich habe längst kapituliert, bei solch bösen Vorzeichen. Und dann gehts ganz schnell, rauf auf Stuhl, Spritze rein, gebohrt, Loch zu, Glückwunsch, war nicht schlimm, aufstehen, bedanken und gehen, fertig.
Schneller konnte ich das jetzt wirklich nicht schreiben.
Das Licht des Aquariums ist morgens mein Wecker, seit die Zeitumstellung den Weltuntergang wieder um eine Stunde zurückverlegt hat. Ich versuche seitdem – meist erfolglos – den früheren Morgenstunden etwas Sinnvolles abzugewinnen. Das ist nie leicht, im Dunkeln auch nicht, und im Schein der Aquariumlampe bleibt mir nur, mit dem Licht aufzustehen, hinüberzuschlurfen, die Fische blöd anzuglotzen und grüne Krümel durch die Öffnung im Deckel herunterzustreuen.
Die Fische können ja nichts dafür. Niemand außer mir selbst weckt sie so, wie sie mich wecken: die Lampe trennt die Nacht vom Tag, plötzlich ist es hell, es gilt herumzuschwimmen, nach Futter Ausschau zu halten und bei Bewegung außerhalb des Beckens in Richtung Wasserkante zu schwimmen, um ein paar grüne Krümel abzubekommen. Die Uhrzeit ist dabei doch Nebensache. Licht an heißt Hunger an, Schwimmen an; Licht aus heißt Hunger aus, Schwimmen aus, wir sinken gemeinsam zu Boden und lassen uns vom sanften Strom der Pumpe in die hintere Ecke spülen, wo der kleine Lichtkegel des Aquariumheizkörpers alle paar Stunden die Dunkelheit durchbricht und signalisiert, dass es noch Leben gibt am Rand. Es läuft fast alles automatisch.
Die Zeitschaltuhr für das Licht ist nicht das Geheimnis meines verschlafenen Gesichts, es ist die Ursache. Seit Wochen schon ist es dunkel im großen Becken, wenn im Kleinen das Licht angeht. Seit Wochen denke ich, dass ich die Uhr umstellen könnte für eine Stunde mehr Schlaf am Morgen. Oder die Tür schließen, eine Decke drüber hängen. Aber so einfach ist das nicht. Ich bin der Fische Gott. Ich bin ihr Ungetüm. Der Heilsbringer, dem sie huldigen, der heranschlurft, wenn das Licht angeht, ich bin immer da ( naja, fast immer ). Ich streue das Futter ins Becken, für mich wird unter der Wasseroberfläche getanzt, geschwommen, verrenkt und gedrängelt. Für ein paar Flakes im hellen Schein der Neonröhre. Zack und Sidi sind schon wieder in die Filter geschwommen, ich hole sie raus, rette sie.
Das große Licht von draußen dringt durch den Nebel, es wird Zeit dem ganz Großen zu huldigen, Zeit für ein paar Flakes, eine Mundspülung, Umgangsformen.
Ein Buch, das ich nicht gelesen habe. Ich habe eine uralte Ausgabe der tolldreisten Geschichten zu Hause aus dem Greifenverlag zu Rudolstadt, die habe ich vor 20 Jahren einmal in den Fingern gehabt, kann mich aber kaum erinnern, worum es in den Geschichten ging. Sie waren aber manchmal ziemlich blutrünstig und der Witz erschloss sich mir leider nicht so leicht damals. Das Buch gehörte einmal meinen Eltern und ich habe es irgendwann, als meine Mutter wieder Platz im Regal schaffen wollte, einfach mitgenommen.
Das Buch, von dem hier aber eigentlich die Rede sein soll, habe ich in meinem Lieblingsantiquariat gekauft. Es war etwas teurer als die üblichen 1,50 Euro, es kostete diesmal sogar 2 Euro. Ich kann mir nicht unbedingt erklären, weshalb, denn es ist weder in besonders gutem Zustand, noch ist es ein gefragtes Exemplar ( Erstausgabe ). Vielleicht aber auch wegen des
Exlibris auf der ersten Seite.
Interessant ist an diesem Buch jedoch nicht nur das Exlibris, welches ich leider keinem berühmten Künstler zuordnen konnte ( eine große Vielfalt an Exlibris bietet der
DEG ), sondern auch die Werbung. Im letzten
Beitrag wurde von Pfandbriefwerbung gesprochen, diesmal ist es etwas anderes:
Autor: Honoré de Balzac
Titel: Oberst Chabert
beworbenes Produkt:Aral bleifrei
Fundstelle: zwischen S. 62 und 63
SIC TRANSIT GLORIA MUNDI
Ein Hinweis sei erlaubt nicht auf den Ruhm, wohl aber auf die Erfreulichkeiten dieser Welt...
nämlich auf die Freude, die das Kraftfahrzeug mit dem dazugehörigen Kraftstoff
ARAL bleifrei
uns Heutigen bereitet. Denn ARAL bleifrei bedeutet sorgenfreies, fröhliches Fahren für jedermann mit jedem Fahrzeug.

Bildquelle: Honoré de Balzac, Oberst Chabert, Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg, 1956
Ich bin natürlich wieder zu spät, denn das große Jubiläum ist längst vorbei. Das war 2006, als Rowohlt 60 Jahre rororo feiern konnte. Rororo steht übrigens für Rowohlts Rotations Romane ( die Bindestriche habe ich weggelassen und die Schreibweise von Google übernommen, Rowohlt selbst sagt auf seiner Internetpräsenz nämlich nichts mehr über die Abkürzung rororo, da heißt es nur noch "
Der Taschenbuchverlag" ), was auf das äußerst preiswerte Druckverfahren auf Zeitungspapier zurückzuführen war,
Wiki weiß das auführlicher. Schon in den 50er Jahren wurde dann im heute noch verwendeten Taschenbuchformat gedruckt.
Mein Anliegen ist es aber nicht, hier ein Jubiläum nachzuholen oder ein Nichtjubiläum zu feiern, sondern vielmehr auf eine kleine Kuriosität aufmerksam zu machen, die mir vor Jahren, als ich mein erstes rororo antiquarisch erstand, zum ersten Mal begegnete. Da lese ich ganz unbefangen und plötzlich erscheint ein Bild auf der rechten Seite. Ich blättere um und lese den kurzen Absatz, nach wenigen Worten wird mir klar, hier geht es nicht um den Inhalt des Buches. Das ist eine Werbeanzeige, für Pfandbriefe. Ich dachte mir da nichts bei, las weiter und vergaß die Sache wieder.
Mittlerweile kaufe ich regelmäßig alte rororo Taschenbücher, manchmal deshalb, weil mir die neuen Bücher schlicht zu teuer sind. Meistens jedoch kaufe ich sie, um mir das Bild und den Werbetext irgendwo in der Mitte des Buches herauszusuchen und durchzulesen. Das kostet mich im Schnitt 1,50 pro Buch und hin und wieder lese ich das ein oder andere dann sogar im Ganzen und wundere mich dann, dass mir der Autor vorher nie untergekommen ist.
Ich möchte meine Büchervorstellung deshalb nicht mehr am Inhalt des Buches, sondern am Werbetext festmachen. In meiner Rubrik "Auslaufmodell Buch" werde ich in der kommenden Zeit immer mal wieder eines meiner alten rororos heraussuchen und den Werbetext vorstellen. Vielleicht lasse ich auch den Autor mit einem Zitat zu Wort kommen, vielleicht auch nicht. Und anfangen möchte ich heute mit einer berühmten
Anekdote. Diese findet sich recht häufig in den rororos und geht auf das Schreiben eines Schülers an Kurt Tucholsky zurück. Der Schüler wünschte sich, dass Tucholsky hoffentlich bald stürbe, damit seine Bücher billiger wurden.
Autor: Günther Grass
Titel: Treffen in Telgte
beworbenes Produkt: Pfandbrief und Kommunalobligation
Fundstelle: zwischen S. 146 und 147
"Macht unser Bücher billiger!...
... forderte Tucholsky einst, 1932, in einem "Avis an meinen Verleger". Die Forderung ist inzwischen eingelöst.
Man spart viel Geld beim Kauf von Taschenbüchern. Und wird das Eingesparte gut gespart, dann zahlt die Bank oder Sparkasse den weiteren Bucherwerb: Für die Jahreszinsen eines einzigen 100-Mark-Pfandbriefs kann man sich zwei Taschenbücher kaufen.
Bildquelle: Günter Grass, Das Treffen in Telgte, Rowohlt Taschenbuchverlag Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, Juli 1981
"Kroff", höre ich ihn sagen und wie so vieles, was er beiläufig in den Raum stellt, hat es damit etwas auf sich, was sich kaum beschreiben lässt. Da wird mit einer längst vergessenen Metapher für "krass, "fett", "steil" oder "geil" ein Bildersturm ausgelöst. Ich werde in meine Jugend zurückversetzt, wie ich in der großen Hofpause im nahegelegenen Supermarkt mit geklauten Einkaufswagen eine Schachtel Zigaretten finanziere, wie ich mit meinen Eltern darüber streite, warum ich unbedingt ein Paar Adidas 8000er brauche, wie ich nach 4 Wochen Schule schwänzen und Computer spielen von meiner Mutter erwischt werde, wie ich tagelang mit Freunden an Straßenkreuzungen herumlungere, um genau nichts zu tun.
Dabei dreht er sich nicht einmal um, sondern hustet weiter in Richtung des riesigen Fernsehers. Ich sitze hinter ihm auf der Couch und könnte schwören, er hat mir gerade zugezwinkert.
emphelen (Verb): emphelen ist die "Kurzform" von empfehlen und wird synonym gebraucht. Die verkürzte Schreibweise ergibt sich aus lautsprachlicher Sicht, steht doch das h nach dem p für die Umlautung des Plosivs p in den Frikativ f. Es kommt demzufolge zur gleichen Verlautung wie bei pf ( der lautliche Unterschied zwischen pf und ph wie bei Pfusch ( eigentl. Affrikate ) oder Phillip ( hier in seiner rein frikativen Form ) kann hier aufgrund des vorangegangenen bilabialen Nasals m vernachlässigt werden ). Die Doppelbindung des h als Dehnungsmarker für das e stellt in dieser Schreibweise den eigentlichen Clou dar. Er bedient sich nicht nur dem Verfahren der elliptischen Reduktion der Linguistik, es stellt vielmehr sogar einen der wenigen Fälle der Verkürzung dieses Verfahrens von der Wort- auf die Phonemebene dar.
Ich saß gestern in der Campus Lounge, direkt gegenüber des schönen Neo-Renaissancebaus der Chemiker. Ich hatte bereits mehrere Kapitel gelesen, als mir plötzlich auffiel, was für ein Krach in dem Laden herrschte. Permanentes Brummen offener Kühlschränke übertönte die Musik. Ich wunderte mich darüber, vor allem, als ich sah, dass hier Servicekräfte gesucht wurden. Ich wunderte mich darüber, wie ein hier arbeitender Student nach einer Schicht am Abend nach Hause geht, sich schlafen legt und womöglich nachts aufwacht und sich wundert, wie still es ist. Vielleicht stellt er dann seine Stehlampe auf ganz kleines Licht. Der Schimmer wäre nicht der Rede wert, aber das dauernd leise Knistern, dazu könnte er gut einschlafen.