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Sonntag, 24. April 2022

Bobo Siebenschläfer - Abgründe

Meine jüngste Tochter ist gerade zwei geworden, hatte das hier gar nicht mehr angekündigt, weil ich ja schon Tschüß gesagt hatte. Aber naja, nun ist sie halt zwei und jeden Abend lese ich ihr etwas vor. Meistens muss ich ihr von der Kuh Lieselotte vorlesen und zwar immer nur das Buch „Lieselotte lauert“. Lieselotte lauert auf den Postboten und jagt ihn vom Hof, am Ende (Achtung Spoiler!) trägt sie selbst die Post aus, weil sie das Fahrrad des Postboten zerstört. Meine Tochter hat einen Heidenspaß bei dem Buch, weil ich Lieselotte immer anders nenne, mal heißt sie Ulrike, dann wieder heißt sie Gisela, Gertrude oder Sabine. Das findet meine Tochter ganz toll. Außerdem mag sie, dass ich mir immer andere Dinge ausdenke, die da stehen könnten, aber nicht da stehen und dann so tue, als ob sie da stehen und ihr eine völlig verdrehte Geschichte vorlese. Da knattert die Bäuerin der Kuh schon mal nicht im Traktor hinterher, wie es in der Geschichte heißt, sondern im Schuhkarton, auf Schlittschuhen oder in der Straßenbahn. Leisetöne kalauert.

Jedenfalls ist Käthe, so heißt meine Tochter, auch besonders scharf auf Geschichten um die Figur des Bobo Siebenschläfer. Da steht ja wirklich wenig drin. Einfache Hauptsätze aneinandergereiht, meist nur einer pro Seite und viel Quatsch, den ich nebenher erzählen kann. Wenn Bobo mit dem Flugzeug fliegt stürzt regelmäßig eine Maschine ab oder in einem Koffer ist eine Bombe versteckt, und wenn die Familie Siebenschläfer dann endlich am Urlaubsort ankommt, gastiert sie nicht in ihrem Hotelzimmer, sondern im Keller oder auf dem Dach.

Neulich fand ich ein wirklich altes Buch von Bobo mit vielen Geschichten drin. Das lese ich gerade immer wieder vor. Das Buch ist so alt, da darf Frau Siebenschläfer noch aussehen wie das Tier, ein bisschen mopsig, bieder mit Kittelschürze, wenn‘s in die Küche zum Kochen geht, während der Mann den Spaziergang macht. Die Zeichnungen sind mit den modernen Abbildungen nicht mehr zu vergleichen. Dort hat sich das Frauenbild in mehrerer Hinsicht gewandelt: Mama Siebenschläfer ist nicht mehr die biedere Hausfrau, sie darf schlanker sein, moderner daherkommen, auch schon mal etwas ohne den Mann entscheiden und Dinge tun, die sonst der Mann getan hätte.

Warum erzähle ich das alles? In dem alten Buch aus dem Jahr 1984 gibt es ein paar Zeichnungen, die sind, wenn schon nicht aus der Zeit gefallen, so doch zumindest sonderbar. Mama Siebenschläfer geht mit ihrem Sohnemann einkaufen, man sieht sie nur angedeutet im Vordergrund gerade ins Bild hineinfahren, und hinter der Kasse ganz hinten links steht ein absolut scharfes Siebenschläferweibchen: mit Minirock, Wespentaille, große, wohlgeformte Brüste, Arme hinter dem Rücken, und Brust vorgestreckt lächelt sie den Betrachter an.
Bobo_1

Und nur wenige Seiten weiter stehen in Einzelmotiven gezeichnet die Produkte, die Mama Siebenschläfer gekauft hat. Da ist eine Rolle Klopapier dabei, auf dem Klopapier ist als Serviervorschlag ein extrem großes Hinterteil mit tiefer Poritze abgebildet, sitzend auf einem Töpfchen. Den typischen Siebenschläferschwanz gibt es hier nicht, damit der Blick auf das Hinterteil freiliegt, dafür gibt es einen Rücken und die Siebenschläferohren. Ich frage mich seit Tagen, warum mich das so triggert...
Bobo_2

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